SosoJaja-Kolumne: Warum die #Ehefueralle kommen wird

Die „Ehe für alle“ -Debatte, ausgelöst durch das irische Referendum, wird zu einem schönen Beispiel für einen alten politischen Automatismus werden:

Spitzenpolitiker stehen über die Zeit ihrer Karrieren hinweg unter Beobachtung und werden stark daran gemessen, wie konsistent und glaubwürdig ihr Verhalten ist. Dabei ist die Öffentlichkeit auf der Suche nach einer Lüge – denn die Lüge steht für Unredlichkeit und gilt damit als Beweis für das Funktionieren der Öffentlichkeit als Kontrollinstanz der Mächtigen.

Allerdings gibt es einen bedeutenden Unterschied zwischen Lüge und Inkonsistenz: Während es bei der Lüge schlicht um das Erzählen der Unwahrheit geht, steht hinter inkonsistentem Verhalten eine Entwicklung: Man ist nicht mehr dieselbe Person. Man ändert seine Meinung, seine Überzeugung.

Gesellschaften verändern sich – vor wenigen Jahrzehnten war Homosexualität strafbar und Ehemänner konnten ihren Gattinnen das Arbeitsverhältnis kündigen, wenn es ihrer Meinung nach der Ehe abträglich war. Die Deutschen waren für Atomkraft und Rauchen war überall gestattet – Zustände, die heute nicht mehr mehrheitsfähig sind.

Ein talentierter Politiker wird seine Karriere über viele Jahre hin entwickeln. Wenn es gut läuft, wird sie zwei oder drei Jahrzehnte andauern. Wie aber löst er den Widerspruch zwischen der Weiterentwicklung einer Gesellschaft und der Forderung nach Konsistenz an ihn persönlich auf?

Mit anderen Worten: Wie schafft man es, 1995 für Atomkraft und die Wehrpflicht, aber gegen Rauchverbote und die Gleichstellung homosexueller Partnerschaften zu sein, wenn man 20 Jahre später in all diesen Fragen die gegenteilige Position einnehmen muss, weil die Bevölkerung sich dahingehend entwickelt hat?

Die Antwort kann nur heißen: Ausgewogenheit im Urteil. Balance bei Reizthemen. Langeweile statt Zündstoff. Distanz zu Dogmatismus. Wer sich auf in Stein Gemeißeltes festlegt, trägt diesen Stein als Klotz am Bein; und zwar auch dann, wenn er – was viele Politiker irgendwann einmal ausprobieren – versucht, politisch über Wasser zu laufen.

Konkret betrachtet bilden die Karrieren von Stefan Mappus und Angela Merkel gute Vergleichspunkte dieser politischen Arithmetik:

Während Mappus schnell als Hardliner aufstieg, klare Positionen vertrat und sich auch noch als Baden-Württembergischer Ministerpräsident am wahren Konservatismus messen ließ, wählt Merkel – wie Mappus CDU-Mitglied – stets gemäßigte Töne, vermeidet Einlassungen, die deutlicher sind als gerade nötig, und lässt sich so Spielraum für eine Ko-Entwicklung an der Seite der Gesellschaft.

Hätte ein Politiker, der als Vertreter der reinen konservativen Lehre gilt, den Atomausstieg oder die Aussetzung der Wehrpflicht vertreten können? Wohl eher nicht. Mappus würde zwar entgegnen, dass das auch unter seiner Führung nicht gewollt gewesen wäre, aber wäre er dann noch der richtige Repräsentant einer Bevölkerung gewesen, die sich ohne ihn weiterentwickelt hätte? Wiederum: Wohl eher nicht.

Der Typus Mappus ist der Statiker der Politik: Er versucht die Belastbarkeit der jeweiligen Säulen einer Gesellschaft zu erhöhen und die Dinge zu festigen.

Der Typus Merkel dagegen ist der einer Dynamikerin der Politik: Sie versucht die Belastung der Säulen einer Gesellschaft zu messen und Gewichts- oder Akzentverlagerungen mit moderierender politischer Begleitung zu versehen.

Zweifelsohne ist der dynamische Typus langfristig erfolgreicher als der statische, der dagegen kurzfristig Erfolg haben kann. Kommt es jedoch zu einer einzigen Weiterentwicklung im Wertekontext der Gesellschaft, so verliert er an Schnittmenge mit seinem Wählerpotential, während der dynamische politische Konkurrent sich anpassen kann und damit eher die aktuelle Gesellschaft repräsentiert, wogegen der Statiker einen Imperativ, eine Forderung an dieselbe richtet. Darin scheint sein einziger wahrer gesellschaftlicher Wert zu liegen: Er provoziert ein Nachdenken der Gesellschaft über sich selbst. Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wer wollen wir in Zukunft sein?

Gerade konservative Politiker laufen schnell Gefahr, in die Dogmafalle des bloß-nicht-wischi-waschi-Seins hineinzutappen. Ehe sie sich dreimal umgeschaut haben, hat sich die Welt um sie herum weiterbewegt und lässt sie dort, am Wegesrand des Zeitgeists zurück, mit dem Klotz ihrer unverrückbaren Überzeugungen am Bein. Genau dort liegt auch Stefan Mappus. Ungefähr bei Kilometer 2011. Er ruft uns noch hinterher: Lasst euch nicht auf Experimente mit Lebenspartnerschaften von Gleichgeschlechtlichen ein!

Da hat eine politisch dynamische Angela Merkel längst ein Strategiepapier auf dem Tisch, das verkündet, wie man am klügsten erklärt, warum sich ihre Position geändert habe. Die Ehe für alle wird kommen. Es ist nur eine Frage der Zeit.

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