Deutschbodenständig

Die Onanie ist ein schöner Zeitvertreib, das wissen nicht nur passionierte Pornogucker, sondern vor allem auch die Affen des Kulturwaldes, wie Erich Kästner sie nannte – die nicht selten der Untergattung des Kultur-Pavians angehören; geschwollen rotärschig und immer darauf bedacht, die Rangordnung dadurch zu dokumentieren, wer wem das Fell jucken darf.

Im Kulturwald wird von jeher schon immer gewaltig gejuckt; das ist heute nicht anders, nur juckt man auf die unterschiedlichste Weise und legt, wenn man oft genug fremdgelaust wurde, vielleicht auch mal selbst Hand an sich.

Das hat – seinerzeit viel beachtet – auch der Journalist Moritz von Uslar getan, als er 2010 einen Roman im Dschungel der Belletristik platzierte, der den schönen Namen „Deutschboden“ trug. Der Text handelt von einem Reporter – von Uslar selbst –, der aus Berlin heraus ins brandenburgische Zehdenick geht, um Land und Leute richtig kennenzulernen und ganz tief unten im Morast ostdeutschen Provinzfrusts nach den Wahrheiten unserer Zeit zu suchen; dort, wo sich seine Feuilleton-Kollegen nur mit Einweg-Handschuhen oder im Tross beispielsweise eines Kanzlerkandidaten hin trauen würden, weil sie dann vor dem Vordergrund des Niemandslandes den Hintergrund dieses Jemands beschreiben könnten, der noch etwas vorhat im Leben.

Im Leben vorhaben tun die meisten Protagonisten in Deutschboden (ein drei-Häuser-Nest nahe Zehdenick war namensgebend) meist nichts mehr, und zwar unabhängig vom Alter. In der Verfilmung des Buches, die jetzt kostenfrei auf SPIEGEL TV zu sehen war, marschiert von Uslar mit sehenswerter Leutseligkeit durch tristes Mittelmaß, palavert über den „Kratzputz“ ostdeutscher Einfamilienhäuser, säuft ein Bier nach dem anderen an den hellgrau überzogenen Spanplattentresen seiner erwählten Kleinstadt, lässt sich Arschtatoos („Dein Name“) ebenso erklären, wie die Begründung, warum man eine Deutschlandfahne haben muss, die die Obstbäumen im Garten weit überragt.

Man kann sich fragen, was das soll, aber das muss man nicht, denn es ist ganz einfach interessant. Interessant deshalb, weil von Uslar nichts verfälscht und inszeniert; das lässt sich mit Sicherheit sagen, weil wir alle diese Menschen haargenau kennen. Man kann sie treffen. In Brandenburg, in Meck-Pom., in Sachsen-Anhalt; sie laufen frei herum und nennen sich Bevölkerung. Von Uslar hat ihnen nicht aufs Maul geschaut, er hat sie dabei filmen lassen, wie sie das Maul aufmachen. Und das ist die eigentliche Leistung des „Reporters“, wie von Uslar sich selbst in der Rolle des Ich-Erzählers bezeichnet.

Glaubt man allerdings, dass es sich damit habe, so irrt man. Von Uslar betont nicht nur ständig die Gefahr des aufs-Maul-Kriegens, der er sich bei seinem Höllenritt abseits der Metropolen und fern der in Leitplanken eingeschweißten Autobahnen ausgesetzt habe, er zelebriert sich außerdem vollends als Abenteurer, als Cowboy der schreibenden Zunft; als jemand, der sich einen Boxklub suchen und es in der gewöhnlichen Trinität aus saufen, ficken und Autos tunen aushalten kann, während seine elitären Kollegen schon beim Gedanken an die Fleischerei Pickel bekommen, in der von Uslar seine Mettbrötchen mit Zwiebeln bestellt, und wo er die Fleischereifachverkäuferin mit seinen Komplimenten ob des Geschmacks („weltbester“) wie die Gurke in einen Rollmops einzuwickeln versucht.

Und mit der Zeit merkt man, warum Moritz von Uslar in die Provinz gefahren ist: nicht wegen der Provinz. Von Uslar ist nach Zehdenick gekommen, um zu zeigen, dass er seine Kollegen in jeder Disziplin in die Tasche steckt, dass er der deutsche Charles Bukowski ist, der Hunter S. Thompson, der Norman Mailer oder weiß der Geier wen er bewundert, er und niemand sonst, dass er verdammt nochmal kein Kultur-Pavian, sondern ein Gorilla, ein Silberrücken ist, einer, der das Gezappel der anderen Affen stoisch ignoriert, bis er irgendwann zulangt und dann dort kein Gras mehr wächst, weil er es so will.

Moritz von Uslar war im Verlauf seiner Karriere auf der Geburtstagsparty von Prince in Los Angeles eingeladen, hat Leute wie Mick Jagger mit seinen Fragen genervt und mit Helmut Lang in dessen Haus auf Long Island abgehangen. Wenn er in Brandenburg mit Proleten an der Tanke Dosenbier trinkt und staunt, wie gekonnt sie Gummi durch Reibung von Autoreifen auf Asphaltoberflächen übertragen, dann ist das gezieltes Understatement. Es ist die Erweiterung des journalistischen Spektrums, die Ausweitung der Kampfzone des Reporters von einer Irrelevanz zur nächsten; von L.A. bis Zehdenick hat er sie alle gesehen, gesprochen und beschrieben, dieser Teufelskerl, dieser Moritz von Uslar: Pulitzerpreisverdächtig, mindestens.

Nun ist es natürlich so, dass es den Kultur-Gorilla von Uslar kein bisschen juckt, dass ich ihn gerade etwas ruppig entlause, und dass das meine Eitelkeit ankratzt, die ja sowieso eher auf dem Niveau eines VW Polo von 2001 mit Lack und Glanz versehen ist. Insofern: Die Selbstreferenz ist und bleibt uns allen erhalten. Kleine Rosaärsche, die über größere Rotärschige meckern, weil die sie nicht wahrnehmen, weil sie nicht mal zurücklausen, sondern stoisch in die Ferne starren, bis ihnen irgendetwas wichtig genug erscheint, kurz aufzublicken.

Selbstreferenz: Die Onanie des gesamten Kulturwaldes, ebenso wie beim Inzest der immergleichen Lebensläufe in Zehdenick, dem man ja doch, trotz der Gockelei des Erzählers, gern zugeschaut und zugehört hat, und deren Protagonisten man am nächsten Tag immer noch nicht vergessen hat, und an die man sicherlich wieder denken wird, wenn man des nachts einen Stau auf dem Weg nach Berlin weiträumig umfahren und dabei noch schnell bei Aral tanken muss, wo sie dann stehen, an den Luftdruckmessern, mit ihren Opel Astras und den Bierkästen im Kofferraum, wenn man dann ganz schnell zum Bezahlen in den Shop läuft und beim Wegfahren am liebsten szenetypisch die Reifen quietschen lassen würde, weil man von dort ebenso schnell wieder weg will, wie diese Jungs, nur eben nicht, weil der Drift so cool aussieht, sondern weil man Angst davor hat, für seine Oberklasse-Familienkarre mit Großstadtkennzeichen, für das Hemd und den Pullover mit V-Ausschnitt oder einfach nur so aus Langeweile mal so richtig auf die Fresse zu kriegen, denn das ist ja in den Wäldern und auch in der Kultur der Kulturlosigkeit ein probates Kommunikationsmittel; ob nun bei Erich Kästner oder Charles Bukowski, bei Moritz Silberrücken oder den Pavianen mit ihren feuerroten Arschgesichtern.

Zum Film: http://www.spiegel.de/video/moritz-von-uslar-in-ostdeutschland-video-99003998.html

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