Die Klagemauer der Gegenwart (oder: exformierte Informanten)

Knödeln wir mal wieder ein paar Grundsatzfragen durch den Fleischwolf des Zeitgeists: Der Autor Norbert Niemann – ich kenne weder ihn noch seine Romane – hat in einem Text für die F.A.Z. eine schöne Analyse der westlichen Kulturlandschaft zusammengeschrieben. Seine eher kulturkonservative Argumentation läuft darauf hinaus, dass Niemann uns sagen will, wir verkauften unsere intellektuelle Mündigkeit an einen Markt, der nur an der Monetarisierung unserer Interessen und der Schaffung neuer, wiederum monetarisierbarer Bedürfnisse arbeite. Die Kulturindustrie produziere nichts Kritisches mehr, sondern nur noch Verkäufliches. Er attestiert ihr, sie wolle „keine großartigen literarischen Werke entdecken und sie dann als Bücher verkaufen, sondern sie will Bücher verkaufen und füllt sie mit etwas, das sich gut verkaufen lässt.“

Eine griffige Formel, so viel steht fest. So weit, so gut. Bedenkt man, dass es allein in Deutschland jedes Jahr über 90.000 Buchpublikationen gibt – weniger als 1.000 Menschen also pro neu erschienenem Buch –, so wird man sagen müssen: Die Masse ist da, an der Quantität liegt es nicht. Fragt man also nach der Qualität, so wird das Bild schon niemannscher: Wie viele der über 90.000 Bücher hält diese Gesellschaft im nächsten Jahr, angesichts der nächsten 90.000 Publikationen, noch für relevant? Eine Handvoll? Zwei Dutzend, plus diverse Fachpublikationen von Bedeutung, die die breite Bevölkerung nicht registriert? Das mag grob über den Daumen gepeilt hinkommen. Eine lausige Quote. Niemann hat Recht, könnte man folgern.

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Aber warum eigentlich Bücher? Niemann ist 1961 geboren; ein Mittfünfziger also. Und zwar einer ohne Twitter-Account.

Nicht dass das ein Ausschlusskriterium wäre – aber was genau hat ein Mann von dieser Zeit verstanden, wenn er die „digitale Revolution“ als stattgefunden zitiert, aber nicht in seine Analyse einbindet? Wenn es in seiner Verarmungsthese der westlichen Kulturlandschaft immer nur um beschriebenes Papier geht, immer nur um die Frage, was Verlage drucken, welchen Marktmustern sie folgen, welchen althergebrachten Methoden?

Niemann müsste seine Analyse unter dem Einfluss dessen was im Netz passiert formulieren. Dass er das nicht getan hat, macht ihn zu einem nicht nur konservativen Denker, sondern zu einem gestrigen. Wer nicht weiß, mit welcher Wucht das Internet das kritische Denken sämtlicher Disziplinen geradezu aphoristisch verknüpfen kann, der hat diese Zeit nicht verstanden. Auf Twitter beispielsweise kann ich innerhalb kürzester Zeit mit deutscher Philosophiegeschichte, brasilianischer Street-Art, französischer Politik oder US-amerikanischem Unternehmensgeist angefüttert werden, kann Artikel, Bilder, Aphorismen und Videos von intellektuell großer Qualität in einer Dichte und Fülle vorfinden, wie an keiner anderen Stelle der Welt, kann sie mit dem Nachrichtenstrom des Tages verknüpft präsentiert bekommen und mir selbst einen Reim drauf machen. Niemanns Artikel – übrigens ein Auszug aus einer Dankesrede für einen Literaturpreis – habe ich auch über Twitter gefunden.

Nichtsdestotrotz muss man vorsichtig sein. Das Netz ist durchsetzt mit Ökonomischem und Oberflächlichem. Niemann liegt nicht ganz falsch, wenn er meint, unsere kritische Selbstbestimmtheit fiele finanziellen Mehrwerten irgendwelcher Konglomerate zum Opfer. Unsere „Kultur des kritischen Denkens und unabhängigen Gestaltens“ aber sei „das Herzstück der vielbeschworenen westlichen Werte. Dieses Herz schlägt nur kaum noch.“ Den intellektuellen Infarkt gelte es selbstverständlich zu verhindern, und genau dazu sei die Kulturelite, deren Werke keine Breitenwirkung mehr entfalteten, da.

Plattformen wie Twitter sind nicht nur jung, sie sind auch gerade deshalb instabil und angreifbar für die ökonomische Verwertungskette.

Außerdem unterliegt Twitter genauso wie das gesamte Internet dem Phänomen des Dickichts: Man kann alles kriegen, und kriegt damit auch nichts. Man könnte den ganzen Tag Nachrichten lesen, die keine sind, Meldungen, die niemand braucht und die man sofort vergisst, und man würde dennoch nicht fertig damit sie zu konsumieren; man könnte sich, wenn man nur ein paar tausend Leute folgt, im Sekundentakt vor eine Bewusstseinswand stellen: vor die Klagemauer der Gegenwart.

Twitter ist, wie das Internet selbst, eine Selektionsaufgabe. Finde die richtigen Quellen und folge ihnen. Vermeide den Müllberg der Information.

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Das Wort „informieren“ kommt vom lateinischen „informare“, was so viel wie bilden, unterrichten oder, wörtlich, „eine Gestalt geben“ heißt. Man kann sich im Internet informieren, den Dingen durch Fakten kognitiv eine Gestalt geben. Man kann sich – und das ist ein Novum – im Internet aber auch exformieren; sich nämlich die kognitive Gestalt nehmen, die das Denken hat, indem man sich mit den falschen, mit sinnfreien Fakten überfüttert und dabei die Orientierung verliert.

Niemann behält dabei sowohl in seiner offline-Analyse wie (zufälligerweise) auch für den online-Bereich Recht: Es gebe die großen und wichtigen Werke, die Zeit- und Gesellschaftskritik dahin transportierten, wo es wehtue, „nur bekommt das Lesepublikum leider nichts davon mit.“ Solcherlei verkomme zu „Expertenwissen“, das an den meisten vorbeigehe. (Jetzt mag man sich fragen, in welcher Gesellschaft kritisches Denken jemals Mainstream werden könnte, ohne dass sich der Gegenstand der Kritik dadurch auflöste. Aber das nur am Rande.) Hier wie dort müssen die Interessierten suchen, recherchieren, bis sie das Relevante im Wust der Publikationen gefunden haben. Hier wie dort ist es verknüpft – sei es durch Fußnoten und Zitate, sei es durch Links. Die eigentliche Kompetenz also, deren Fehlen Niemann beklagen müsste, wäre die Medienkompetenz und ihre Wahrnehmung durch eine intellektuell ausreichend beschenkte Mittelschicht, der es nicht reicht, auf Spiegel Online den Live-Ticker zur Champions League neben dem zur gerade stattfindenden Landtagswahl zu verfolgen.

Eine der vielen Lektionen aus der digitalen Revolution (ein ebenso abgedroschener wie wahrer Terminus) liegt in der Feststellung, dass die Gesellschaft, das Soziale und die Politik etwas von der Ökonomie lernen sollten, anstatt nur immer über sie zu meckern: nämlich, wie man von wissenschaftlichen und technischen Entwicklungen profitiert. Eine moderne, intellektuell von der Ökonomie hinreichend emanzipierte Gesellschaft sollte vor allem eines können: sich selbst als Gemeinschaft die Erkenntnisse und Fakten, das Wissen und die Techniken der Kommunikation zu nutze zu machen, ohne den Gewinnmaximierern die linke wie rechte politische Wange hinzuhalten, bis sie beide eines Tages rot glühen.

Dann könnte man die Energien, die in das Wehklagen niemannscher Prägung fließen, auch besser einsetzen. In kluge, kritische und unterhaltsame Kunst zum Beispiel.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autor-norbert-niemann-zur-lage-der-kultur-13631027.html

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