Kunst im Supermarkt – SosoJaja-Kolumne

Neulich war ich im Supermarkt einkaufen. Als ich an der Kasse stand – Kopfhörer mit beruhigender Musik im Ohr, anders sind Supermärkte ja kaum zu ertragen –, fiel mir auf, dass auf dem Namensschild der Kassiererin „Frau Kunst“ stand. Das konnte man ob ihres Äußeren nur unter Schmerzen unwidersprochen hinnehmen, es sei denn man hält auch Cindy aus Marzahn für Kunst – optisch jedenfalls hätten die beiden durchaus ein gutes Team abgeben können.

Und so war ich gerade teuflisch verlockt, mein Telefon zu zücken und die Dame bei der Arbeit abzulichten, um das Bild von ihr dann mit einem ironischen Kommentar zu posten, als mich dann doch noch etwas zurückhielt. Allerdings nicht die starke Hand des Mannes hinter mir, sondern das Mitleid mit Frau Kunst und der letzte Rest sozialen Anstands. Wenn jemand Klug heißt, aber keinen geraden Satz zustande bringt, dann ist das auch eher ein Fall fürs Mitgefühl als für die Schadenfreude, denn Herr Klug kann ja für diese gemeine Ironie ebensowenig wie der verurteilte Verbrecher, der mit Nachnamen Richter heißt, oder eine Spitzenpolitikerin der Grünen namens Roth.

Obwohl diese Leute ja heiraten und den Namen ihres Partners annehmen könnten. Wobei auch das kompliziert ist: Wenn Frau Roth Herrn Schwarz ins Standesamt bäte, wäre wohl nicht viel gewonnen. Auch wenn man sich in namensgleiche Menschen verliebt, hat man diese einmalige Chance zum Aufstieg auf der sozial ungerechten Namensleiter wohl für immer verspielt. Ich kannte mal so ein Paar. Die beiden hatten sich auf einer Party kennengelernt und noch in derselben Nacht ihren Sohn gezeugt, aber erst später festgestellt, dass sie beide denselben Nachnamen trugen, den ich hier jetzt aus Gründen der Konspiration verheimlichen möchte. Es war aber, das sei verraten, kein Massenname wie Müller oder Meyer.

Vor einigen Tagen wurde mir jemand vorgestellt, der den komplett selben Namen wie ich trägt. „Martin Kruse, darf ich vorstellen: Martin Kruse! – Martin Kruse: Martin Kruse.“, freute sich unser gemeinsamer Gastgeber und wies höchst amüsiert von einem Martin Kruse zum anderen. Wir fühlten gleich den Zwang, uns mit unseren Pappbechern zueinander zu stellen, und zu vergleichen, ob wir nicht dummerweise auch noch unsere Kinder gleich benannt hatten. Darauf folgte der Ausweis- und Unterschriftenvergleich, was dann immerhin für genügend Unterhaltung sorgte, bis endlich der Nieselregen einsetzte und wir einen Grund hatten, zu verschwinden.

Nomen est Omen, sagen die Leute. Florian Henckel von Donnersmarck – mit der Last von Namen wird sich dieser Mann auskennen – dagegen behauptete einst in einer Kolumne, dass die gute alte Alliteration karriereförderlich sei. Er führte Federico Fellini oder Steven Spielberg ins Feld. Auf anderen Gebieten könnte man Günther Grass, Pablo Picasso, Klaus Kinski oder Pol Pot zitieren, die hatten auch alle sehr steile Karrieren.

Aber was heißt das jetzt für Frau Kunst? Vielleicht dass sie, hätte man sie nicht Anneliese oder Hannelore genannt, ein besseres Leben geführt hätte? Zum Beispiel als Klara Kunst?

Wer kann das schon so genau sagen? Vielleicht hätte sie sich nur rechtzeitig umbenennen müssen? Möglicherweise wäre so ein Job in einer mittelmäßigen Galerie drin gewesen? Und wenn es nur im Lager gewesen wäre. Oder als Museumswärterin. Aber solche Fragen haben sich die Eltern von Frau Kunst wahrscheinlich niemals gestellt. Wozu auch? In deren Leben war es wahrscheinlich die größte Kunst, irgendwie einen Weltkrieg zu überleben. Aus dieser Sicht wäre ein moderner Supermarkt schon ein Sechser im Lotto.

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