Die Halbdurchlässigen

Im Schnitt sind die Deutschen derzeit Mitte 40. Ein Alter, in dem die Kinder aus dem Gröbsten raus sind, vielleicht sogar langsam das Haus verlassen, in dem die Position im Job gefestigter wird und die Ehe – verheiratet sind wir mehrheitlich auch – sich entweder auflöst oder aber zur schönen Gewohnheit entwickelt.

Konsolidierung. Erstarrung. Sicherheit. So könnte man es zusammenfassen. In dieses geräuscharme Mittelspiel des Lebens hinein, so darf man Nils Minkmar im SPIEGEL verstehen, wählen wir uns eine Regierungschefin, die uns beruhigt. Die uns politische Barbiturate verabreicht, uns Stabilität verspricht und alles darauf anlegt, bloß keine Fehler zu machen.

Und natürlich lieben die Deutschen Angela Merkel. Sie halten sie für ein Abziehbild der eigenen Sachlichkeit, für rational, vorsichtig und modern – schließlich ist sie eine Frau. Zur Recht erklärt Minkmar ihr Strahlen mit dem Verblassen ihrer innen- wie außenpolitischen Gegner, führt die vielen technischen K.O.s in ihrem Kampfrekord als Politprofi auf und schließt darauf zurück, dass den Deutschen als verlässlichste Konstante nur Merkel bleibe; und das bereits im zehnten Jahr.

So weit, so gut. Darüber, dass ihr in anderen Zeiten längst Heldenlieder und Bronzestatuen gewidmet worden wären, herrscht sicher Einigkeit. Wo Minkmar aber zu weit geht, ist ihre Bedeutung für die Kultur. Er kritisiert, Merkels Führungskultur setze sich in sämtlichen Teilen der Gesellschaft durch: in der Wirtschaft, der Kultur, der Kunst, der Politik, etc. Überall werde nur noch im Merkel-Stil moderiert, höflich ermutigt und, wenn überhaupt, aus der Deckung heraus geführt. Niemand wage mehr etwas, keiner traue sich, in der Narkose mal die Augen aufzumachen um nachzusehen, wer da eigentlich gerade was operiert.

Dazu muss man ganz einfach sagen: Nö. Wenn ein Künstler sich von einem solchen Stil einlullen lässt, dann ist er kein Künstler. Wenn wir keine radikale Kunst hervorbringen, dann nicht, weil wir eine antiautoritäre, alleinerziehende Mutti haben, sondern weil wir verunsichert sind. Es ist bei Weitem nicht so, dass Merkels Beruhigungsrhetorik uns sanft ins weiche Kissen der Geborgenheit sinken ließe, während wir wohlig schauernd dem Rauschen der wilden Zeiten außerhalb unseres Kosmos lauschten, fest an Mutti geschmiegt. Stattdessen wären die Deutschen möglicherweise in ganz anderer Verfassung, wenn ihre Angst vor der Welt da draußen nicht aufgefangen worden wäre.

Wer hat in der Finanzkrise besonnen reagiert? Die Deutschen. Unter Merkels Führung. Wer hat in der Ukrainekrise die bisher sinnvollsten Friedensbemühungen mit Sanktionen kombiniert? Die Deutschen. Unter Merkels Führung. Wer hat in der Eurokrise zwar schwere Fehler gemacht, aber insgesamt solide geführt? Die Deutschen. Unter Merkels Führung. Wer hat zum ersten Mal nach zwei selbstverschuldeten Weltkriegen wieder Führungsverantwortung übernommen? Die Deutschen. Unter Merkels Führung.

Die Wahrheit ist: Diese Gesellschaft hat Angst. Angst vor der eigenen Courage, weil sie weiß, wohin sie sie geführt hat. Sie hat Angst, dass Griechenland sie mit den Abgrund reißen könnte, und wenn es Griechenland nicht tut, dann erledigt es womöglich Putin. Sie hat Angst, dass sie von wachsenden Wirtschaftsnationen abgehängt wird, und sie erschreckt sich, wenn sie für ihre Exportlastigkeit kritisiert wird. Sie hat Angst, dass in den USA wieder ein Bush regiert, dass ein weiterer Kalter Krieg droht, ISIS der Weltgemeinschaft um die Ohren fliegt, dass Europa die Flüchtlinge aus Afrika nicht bewältigen kann und sie wieder als Horde Nazis dasteht, wenn das nächste Boot kentert. Sie hat Angst vor der NSA, dem Klimawandel und den Schwierigkeiten der Energiewende, Angst davor, in Sachen Homoehe hinterwäldlerisch zu sein und beim Datenschutz pedantisch, bei der Demografie verloren, in der Integration gescheitert und bei der Digitalisierung abgehängt.

Diese Gesellschaft hat Angst. Angst vor allen großen Entwicklungen. Sie ist paranoid. Und dann, findet Nils Minkmar, sollte man ihr die Beruhigungspillen wegnehmen? Wo sollte das hinführen? Direkt in die Geschlossene?

Die Trennwand, die sich die Deutschen zum Rest der Welt wünschten, sei am besten halbdurchlässig: „Unsere Waren sollen in aller Welt reißenden Absatz finden, aber die Probleme der anderen und vor allem die anderen selbst mögen bitte von uns abgehalten werden.“ Dem ist nichts hinzuzufügen, außer, dass sich eine solche Trennwand im Prinzip ein jeder Staat, eine jede Kultur wünscht.

Angela Merkel ist so eine Trennwand. Sie hält das Böse so gut es geht draußen, und schickt das Gute, so weit es geht, in die Welt. Sparsame Hausfrau, kluge Unternehmerin. Dafür haben die Deutschen sie gewählt. Dafür wird sie bezahlt. Wenn wir es anders wollen, müssen wir uns an uns selbst abarbeiten. Nicht an Merkel. Ihr Stil wird bleiben – auch wenn die vielen von männlicher Führung, von Autorität und von deren Behauptung geprägten Deutsche nicht damit klarkommen, dass eine zentrale Machtposition auf die Grenzen des Machbaren reduziert wird, anstatt das große Rad zu drehen und dabei festzustellen, dass es vielen kleinen Zahnrädern die Zähne bricht. Merkel dreht lieber die kleinen und schaut dann, wie sich das große Mühlrad bewegt. Das sollten vor allem die zu schätzen wissen, die sich noch an die egozentrischen Shows unter Schröder und Kohl erinnern können.

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Die halbdurchlässige Merkelwand 

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