Gefühle und Analysen

„Gefühl statt Analyse“ beherrsche den Medientenor, analysiert Sascha Lobo in seiner lesenswerten Kolumne auf Spiegel Online, und sortiert sich selbst bei denjenigen ein, die aus Instinkt, aus dem Gefühl heraus politische Meinungen unterstützen oder eben nicht.

Lobo hat Recht – wir suchen uns Referenzen im Netz, Leute oder Medien, denen wir trauen, und ziehen sie wie persönliche Berater in Fragen heran, die ihre Kompetenz zu betreffen scheinen. Wir kennen Sport-, Finanz-, Politik- oder Filmjournalisten, deren fachlichen oder ästhetischen Meinungen wir gern folgen und bauen uns so ein selbstreferentielles Netzwerk auf, dem wir meinen vertrauen zu dürfen, weil es aus von uns selbst ausgewählten Köpfen besteht.

Doch wir irren, wenn wir denken, das mache uns freier. Nicht nur, dass wir früher die Kolumne lesen mussten, die unsere Zeitung uns vorsetzte, und damit unsere Argumente an einer möglicherweise als falsch empfundenen Meinung reiben mussten. Wir leiden auch aufgrund der von Lobo zitierten Dokumentationsgeilheit des Netzes – das Geschehen einer jeden Minute wird archivtauglich kartiert – unter einem Rückfall in die Vergangenheit bzw. einer Verhaftung in der Gegenwart.

Auf Twitter braucht man nur ausreichend vielen Leuten zu folgen, und schon steht man vor einer Gegenwartswand – jede Sekunde, in der man seine Timeline aktualisiert, gibt es neue Meldungen. Man könnte sein Leben in ausschließlich der jeweils aktuellen Minute herunterrocken.

Die Informationsflut diskreditiert jeden früher oder später. Alles ist publik oder wird es in absehbarer Zeit. Fehler werden sichtbar. Vertuschung ist ein Hochrisikospiel für Selbstbetrüger – am Ende kommt es eh raus. Wir müssen also das tun, was für Unternehmer schon lange eingeklagt wird: eine Fehlerkultur entwickeln. Scheitern ist an sich nicht schlimm. Schlimm ist, das Scheitern nicht anzuerkennen und nicht daraus lernen zu wollen.

Insofern liegt Sascha Lobo derbe daneben, wenn er den verantwortlichen deutschen Politikern in der Griechenland-Krise das Vertrauen entzieht, indem er Merkel ihr unsägliches Geschwätz von der „marktkonformen Demokratie“ vorhält, Wolfgang Schäuble aufgrund der Spendenaffäre (letztes Jahrtausend) „anhaltenden Vertrauensverlust“ attestiert und Sigmar Gabriel mit einem vier Jahre alten Zitat zur Griechenland-Krise nachweist, dass er sich selbst widerspreche.

Vielmehr sollten wir alle realisieren, dass es da draußen keine Super-Checker gibt, die auch im Nebel klar sehen, und das wir selbst es schon mal gar nicht tun. Wir können nur versuchen, der Wahrheit nahekommen – und das tun wir, wenn wir unsere Einflussquellen klug wählen und auch unbequemen Stimmen aus anderen Lagern als dem eigenen zuhören. Denn eins ist klar: Eitelkeit, Papststatus und Hochmut kann sich im digitalen Zeitalter keiner mehr leisten. Nicht mal mehr der Papst.

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