Parlamentarisches Sitzfleisch

Schaut man sich Landtagsdebatten an oder die Terminkalender von Politikern, so kann man sich schon mal wundern, warum es noch keine parlamentarischen Pflegekräfte gibt, die den Dekubitus am Sitzfleisch der Repräsentanten behandeln; auf dass sie nicht bei der Arbeit noch bettlägerig werden – ihr Job ist ohnehin nicht selten zum Einschlafen; das würde unserer administrativen Verfasstheit wohl den Rest geben, darf man befürchten.

Die Rumsitz-Demokratie Deutschlands ist ein öffentlicher Anwesenheitssport: Wie an der Uni wird geguckt, wer da ist und wer fehlt – sei es nun aus Faulheit oder wegen wichtiger Termine in Ausschüssen und anderswo. Wie man sich dabei als Politiker fühlt? – Ist egal, werden viele denken. Die kriegen genug Kohle. Sollen sie auch was dafür tun.

Und da ist sie, die liebgewonnene Neidschleife, in der so mancher seine Pirouetten dreht. Es ist aber nun einmal so, dass wir gute Vertreter in den Parlamenten brauchen. Sie sollten – Klischeealarm, ich weiß – möglichst vertraut mit der Bevölkerung sein und aus ihrer Mitte kommen. Sonst könnten wir uns schließlich auch den renommiertesten Makroökonomen aus den USA als Finanzminister einkaufen. Oder jemanden der Ahnung hat für unser Ministerium für Internet… (Das könnte, wäre es so, einen lustigen Transfermarkt ergeben; wie im Fußball: Marktwert Merkel 80 Millionen, Schäuble kriegst du schon für fünf, allein wegen des Alters; Leute wie Rösler vereinslos, und so weiter.)

Aber die Leute sind klug genug, keine Söldner zu wollen. Sie wollen Authentizität – und das heißt, der Politiker sollte wenn es geht gleich mal aus dem Nachbarhaus kommen. Das bedeutet, dass der Beruf attraktiv sein muss. Menschen wollen Menschen, nicht Roboter, schließlich sollen sie die Belange unter den Menschen reglementieren. Wie attraktiv ist aber der Politikerjob?

  1. Kohle: Stimmt. Aber immer nur auf vier oder fünf Jahre gesichert. Danach? Droht Arbeitslosigkeit. Von wegen Kündigungsschutz! Dafür üppige Rentenabsicherung.
  2. Soziale Anerkennung: Immer auf die Fresse. Das Maximum ist Respekt. Mehr gibt es nicht.
  3. Arbeitsbedingungen: Keine festen Zeiten, gerne Tag und Nacht, am Wochenende und an Feiertagen. Den Durchschnittsarbeitnehmer, der zu solchen Konditionen nicht bei Ärzten und Anwälten vorstellig würde, muss man lange suchen.

An die Verbesserung von Punkt drei hat sich nun eine parteiübergreifende Gruppe von Politikern gewagt.

Unter dem Titel „Die Teilnehmenden“ (http://www.eltern-in-der-politik.de/) laden Bundes- und Landespolitiker Fraktionen und Parteien dazu ein, eine Selbstverpflichtung zu unterzeichnen, die den Beruf des Politikers familienfreundlicher gestalten soll. Auch wenn die Seite mit zwei Kindern aufmacht, die „Sonntags gehören Mutti und Vati uns“ skandieren: Ein bisschen sozialistisch-ostige Sprachästhetik muss ja nicht gleich ein inhaltlicher Killer sein. Deutlich gelungener sind nämlich die Forderungen:

  • politikfreier Sonntag
  • Familienfreundlichkeit von Wochenend-Veranstaltungen
  • Effizienz bei der Terminierung von Sitzungen
  • flexible Arbeitszeiten (Effizienz statt Präsenz)
  • fairer politischer Wettbewerb (kein Ausnutzen von familiärer Bindung des pol. Gegners)

Lauter Forderungen, denen man sich als Beobachter der politischen Szene nur anschließen kann. Allerdings sollte man vorab verstanden haben, dass es sich bei Politikern um Menschen handelt – und zwar um solche, die gerne mal 80 Stunden die Woche arbeiten. Da mutet es fast lächerlich an, dass diese Initiative erst jetzt aufs Tableau kommt. Schließlich geht es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – im Falle der politischen Kaste also um die Vereinbarkeit von Leben und Politik. Einer Verbindung, an der alle – Wähler wie Gewählte – großes Interesse haben sollten. Denn so bleiben uns vielleicht auch die parlamentarischen Pflegekräfte erspart.

(Wobei: Arbeitsplätze würde es ja schon schaffen…)

Desperate Colleagues

Nicht so richtig vorteilhaft für eine Demokratie, wenn solche Schilder in den Fluren der Parlamente hängen würden… (Bild stammt vom Flur eines Privatunternehmens, auf dem u.a. der Chef sitzt.)

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