Absolut.

Es gibt nicht viele journalistische Ritterschläge, aber ein Einzelinterview mit der Bundeskanzlerin im Bundeskanzlerinnenamt gehört definitiv dazu. Blöd nur, wenn man als derjenige, dem diese Ehre zuteil wird, kein Journalist ist, sondern YouTuber.

Falls man jetzt denkt, ich spielte auf LeFloid an, so muss ich enttäuschen: Nö. Ich meinte Florian Mundt. Denn der war bei der Kanzlerin. Nicht LeFloid. Der sitzt weiterhin in seinem Kinderzimmer und bastelt coole Videos.

Was ist passiert?

Mundt rauschte in Berlin an und traf die Kanzlerin an einem lichtgefluteten Fenster; man saß sich ohne Tisch gegenüber. Der YouTuber hatte sich nicht verleugnet und seine typische Kluft angezogen, selbst die Mütze saß. Allerdings musste man bei ihm Schwächen erkennen, die verborgen bleiben, wenn man ein Video produziert, das pro Minute 30 Schnitte hat und in dem man einen Hochgeschwindigkeitsmonolog kreativ illustriert.

Mundt fragte die Kanzlerin artig, was die Twitter-Gemeinde ihm aufgetragen hatte, und versäumte es komplett, kritisch nachzuhaken. Als Merkel erklärt hatte, sie sei strikt gegen die Legalisierung von Cannabis, wurde kein weiteres Argument ausgetauscht. Auch nicht, als sie sagte, dass sie einen Unterschied zwischen homosexuellen und gleichgeschlechtlichen Ehen mache. Beim Thema TTIP hätte Mundt sich um ein Haar noch Erklär-Broschüren in die Hand drücken lassen und versäumte es nicht, die Kanzlerin zu loben, dass er das Thema noch nie so konkret wie von ihr vorgetragen bekommen habe.

Auch bei der Bewertung der „Gut leben in Deutschland“-Initiative der Bundesregierung war Mundt Merkels Ansicht: Am Wirtschaftswachstum könne man das gute Leben nicht allein messen; das habe er schon immer absurd gefunden – was exakt dem Tenor des sogenannten Bürgerdialogs entspricht, den die Kanzlerin derzeit massiv vorantreibt und der nichts anderes ist als eine breit angelegte Imagekampagne. Was nämlich konkret daraus erwachsen soll, bleibt völlig unklar. Wichtig ist vielmehr, dass der Mainstream sich in den Postulaten der Regierung recht anschmiegsam von Mutti bekuschelt fühlt.

LeFloid ist ein exzellenter YouTuber. Die Sprache seines Vlogs ist oftmals präzise, einfach und mit der richtigen, noch gut erträglichen Dosis Jargon angereichert. Bei Merkel jedoch fehlte es dann leider an der Qualität: Ständig bestätigte er ihre Aussagen zwischen den Sätzen mit einem eingestreuten „Absolut.“, oder er verrannte sich in Superlativen, wenn plötzlich etwas „wahnsinnig interessant“ wurde, jeder zweite Faktor „unglaublich“ wichtig war oder mindestens „unheimlich“ viele Leute bewegte.

Für Merkel war es sicherlich ein leichter Termin. Sie konnte Mundts Fragen, die oftmals selbst schon völlig harmlos waren, locker in den Fassadenbau ihres Bürgerdialogs eingliedern und sich damit auch bei den „jüngeren Zuschauern“ als sympathisch und fortschrittlich positionieren. Soll sie ja auch gern tun. Aber ein bisschen Gegenwehr hätte Mundt schon leisten können; auch wenn es sicherlich sein erstes größeres Interview war.

Vor einigen Monaten fragte ihn Der Spiegel, ob er sich eigentlich als Journalist sehe. Mundt verneinte. Er sei „Videoblogger und Kommentator“. Was damals bescheiden klang, hat er jetzt  zugleich widerlegt und bestätigt: Das Interview ist eine klare journalistische Form; mit Videoblogs hat es ebensowenig zu tun wie mit einem Kommentar. Andererseits hat er nachgewiesen, dass er das journalistische Werkzeug des Interviews noch nicht beherrscht.

Trotzdem darf man hoffen, dass sich Mundt weiterentwickelt und auch in Zukunft Interviews in seine Arbeit einfließen lässt. Und falls er dabei noch was lernen will, sollte er sich etwas Unterstützung holen. Er könnte beispielsweise mal fragen, ob LeFloid das nächste Mal Bock hätte mitzukommen. Wär lässig.

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