Asoziale Netzwerke

Lieber Dieter Nuhr,

die Versuchung, Ihren Beitrag über das „digitale Mittelalter“ mit einem Shitstorm zu bedenken ist natürlich groß, nur tut sich da das kleine Problem auf, dass das niemand konzertiert organisieren kann.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/dieter-nuhr-ueber-shitstorms-digitales-mittelalter-13706268.html

Es geht um die anorganische, aber toxische Verbindung von Masse und Anoyomität. Auf einem Marktplatz vor 100 Jahren, wenn man mit 10.000 anderen Kehlen irgendeinen Wahnsinn skandierte, war man weniger anonym als ein einzelner digitaler Meinungsäußerer von heute. Man kann sagen: Die Masse ist größer geworden und die Anonymität ebenfalls.

Und in vielem haben Sie Recht: Der Ton stimmt nicht mehr und die Methodik der Verfolgung Andersdenkender sowie ihre Herabsetzung ist oftmals ekelerregend. Fairen Diskurs gibt es nur noch zwischen den wenigen – oft klar identifizierbaren – Zivilisierten, die andere ernst nehmen und sachlich argumentieren. Eine große Masse folgt oft einem undifferenzierten Jargon der Aburteilung: schwarz/weiß, wir/die, gut/böse, dumm/genial.

Jedoch gehen Sie über den eigentlichen Zustand hinaus, wenn Sie schreiben: „Die Anonymität des Internets bedeutet insofern einen zivilisatorischen Rückschritt in Richtung Faschismus und Mittelalter, Pogrom und Hexenverbrennung.“ Allein die Tatsache, dass Sie und andere mit z.B. solchen Artikeln dem entgegenwirken wirken können, widerlegt Ihre Übertreibung. Anhand des Vorwurfs der Zensur haben Sie ein ähnliches Argument selbst sehr schön seziert. Wir haben es also mit einem alten Phänomen zu tun, das digital jedoch vollkommen neu daherkommt.

Das Problem an sich aber besteht zweifellos. Vielleicht sollte man die Anonymität im Internet ähnlich aufheben können wie die Immunität eines Diplomaten: Sobald ein justiziabler Tatbestand gegeben sein könnte, wird die Identität dem/den Geschädigten preisgegeben (sofern möglich). Das wäre eine Abschreckung für diejenigen, die Ihre guten Manieren an der Tastatur vergessen.

Denn momentan haben wir in vielen Fällen asoziale Netzwerke – und je tiefer man in diese eingebunden ist, desto schwerer fällt es, eine abweichende Meinung zu vertreten. Sehr deutlich wird das derzeit in der Griechenlandkrise und der Frage, wie man zu Schäuble/Merkel/Tsipras/EU/den Griechen/… steht. Man muss viele Pauschalisierungen aushalten und lange diskutieren, bis die Leute zugeben, dass es so einfach nicht ist und sie oftmals selbst auch keine Ahnung haben.

Es sind ein paar wenige Fragen, die man sich stellen sollte, wenn man im Netz etwas postet; etwa, ob man das Geschriebene der Person auch ins Gesicht sagen würde. Denn das – sind wir mal ehrlich – wäre tatsächlich sozial. Netzwerke hin oder her.

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