Costa Rica & Wangerooge

Ich weiß nicht, welcher Journalist zuerst auf den Gedanken kam, in Politikerreden die Sätze mit dem Anfangswort „Ich“ zu zählen; in jeden Fall jedoch sollte der Betreffende vor seinesgleichen mit einem branchenüblichen Preis geehrt werden – schließlich hat er eine Arbeitsschablone angefertigt, derer sich inzwischen so viele seiner Kollegen bedient haben, dass man fast geneigt ist, den Anteil dieser politikjournalistischen Abzählübung am Umsatz ganzer Medienhäuser zu messen.

Aber mit den Umsatzmessungen hat das so seine Tücken, weswegen wir uns das für heute mal sparen wollen – schließlich hat uns der Frühherbst einen spätsommerlichen Septembertag geschenkt, und den sollte man nicht mit Zählen verbringen. Es reicht schon vollkommen, dass ein unbekannter Cafébesucher eine entsprechende Zeitung auf genau jenem Tisch liegenließ, an den ich mich zu setzen pflege, wenn mir gerade nach einem Cafébesuch ist. Und so fiel mein Blick unglücklicherweise nicht in die stolze Sonne, die mir die Augen zwangsläufig mit ihrer Strahlkraft geschlossen hätte, sondern auf jenes politikjournalistische Blendwerk, das sie stattdessen weiter aufreißen ließ; diesen Nachweis schreiberischer Arbeitsamkeit in Form von Wörterzählen.

Es ist immer dasselbe mit dem Gehirn: Wenn es die Wahl hat zwischen Pause und Schrott, wählt es den Schrott. Es könnte ja noch etwas Verwertbares drin stecken. Und es scheint nicht nur mir so zu gehen, sondern auch am Nachbartisch den beiden jungen Damen – zumindest bewegen sie sich gekonnt damenhaft auf ihren Sesseln, vielleicht haben sie amerikanische Serien konsumiert –, die jedenfalls ihre beiden drängenden Sprachflüsse nach dem Reisverschlussprinzip zu einer geschlossenen Pradatasche der Konversation verquicken: Wechselseitige Sätze oder gar Absätze werden von den Stellen umrahmt, an denen sich die beiden Stimmen überlagern – unter Männern wäre das eine Art Gesprächsunfall, diese beiden scheinen darin eher einen Ersatz für die klassische Gesprächspause zu sehen. Und so habe ich – Schrott hin, Pause her – schon von der Künstlergroßmutter auf Wangerooge erfahren, vom Vater, der den biografischen Kontrapunkt dazu im Reihenhaus gefunden hat, und der Tochter, die gütig über allem steht und es irgendwie voll süß und doch total nervig findet, was ihre Freundin nicht anficht, schließlich hat sie ihre Komplementärgeschichte dazu sicherlich auch schon einige Male über einem Latte Macchiato in den Zeitfluss gekippt und heftig gerüht, so dass es auch nicht weiter schlimm scheint, dass sie sich nach weiteren gegenseitigen Unterbrechungen für einen Moment der Stille (nicht aber der Pause!) ihren Telefonen zuwenden. Das ist die einmalige Chance für meine Aufmerksamkeit, aus den Fesseln dieser Mädchen zu fliehen! Augen gen Sonne und zu!

Geschlossenen Auges allerdings, der Laie weiß es, funktionieren die Ohren noch besser als sonst. Also: mentales Gegenprogramm. Woran denkt mein Hirn, wenn ich ihm die Aufgabe stelle, an etwas zu denken, das nicht hier und nicht jetzt ist? Natürlich: Dream of Costa Rica. Eine Erwähnung Max Goldts, der sich in einer von mir gestern erst gelesenen Geschichte aus den 90ern darüber beklagt, dass sein Gedächtnis sich eigenmächtig Dinge merkt, die gar nicht dafür vorgesehen waren, memoriert zu werden. So zum Beispiel die Beschriftung „Made in Costa Rica“ auf irgendeiner Badezimmerutensilie, die mir entfallen ist, ihm aber nicht.

Als ich nun aber vor meinem Cafébesuch in der Drogerie stand, um eine Ersatzglühbirne für die abgerauchte in meiner Leselampe zu kaufen, fiel mir natürlich sofort das „Dream of Costa Rica“ auf einer der Tictac-Packungen auf. Und wie ich träumte: Nur nicht von Costa Rica, wie es die Produktnamensgeber sich ausgedacht hatten, sondern von Max Goldts Gedächtnis, aus dessen Fundus eine weitere Geschichte unter meiner neu bestückten Lampe zu lesen der heutige Abend vorbestimmt ist. Sofern meine Aufmerksamkeit es zulässt; schließlich habe ich zwei Töchter zu Hause, deren Sprechbedürfnis an guten Tagen auf ein ähnliches Niveau anzuschwellen vermag, wie das der Mädchen am Nachbartisch, die jetzt kichernd über einem sehr gesund aussehenden Mittagessen sitzen, dass ihnen zwischen den Fingern abkühlt, während sie eine offenkundig sehr alberne Person scheinbar so präzise imitieren, dass sie in ein irres, nicht cafébesuchstaugliches Kicherkonzert abkippen, und mir damit wieder meine Konzentration nehmen.

Aber vielleicht ist das auch ganz gut so. Denn kritische Geister – Leute mit dem Talent zum Politikjournalisten vielleicht – würden mir sicherlich sowieso unterstellen, meine eigene Schwatzhaftigkeit stünde der jener Mädchen in nichts nach, äußerte sich nur eben sozialverträglicherweise schriftlich. Nun gut, um diesem Vorwurf entgegenzutreten, sollte ich eine Kunstpause einlegen und also mal die Ichs zu zählen. Ich komme auf zwölf. Und nur zweimal am Satzanfang. Ich fürchte, zum Politiker reicht es bei mir nicht. Ups – dreizehn. Und dreimal als Satzanfang. Schon besser!

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