Interview mit Kristina Schröder, Bundesministerin a.D. zur Vereinbarkeit von Familie und Politik

Unter dem Slogan „Eltern in der Politik“ hat sich im deutschen Bundestag eine Gruppe von Parlamentarierinnen zusammengetan, um die Politik familienfreundlicher zu gestalten. Konkret wird dabei eine Selbstverpflichtung der Parlamente angeregt, auf deren Basis fairer miteinander umgegangen werden soll – so sollen beispielsweise Arbeitszeiten flexibilisiert werden, der Sonntag politikfrei bleiben und mehr Rücksicht auf Politikerinnen und Politiker mit Kindern genommen werden. Dazu sprach SosoJaja mit Kristina Schröder, ehemalige Familienministerin und Mitinitiatorin von „Eltern in der Politik“.

Kristina Schröder

Dr. Kristina Schröder (CDU) war von 2009 bis 2013 Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Seit 2002 sitzt sie im Bundestag. Sie vertritt den Wahlkreis Wiesbaden. Seit 2010 ist sie mit Ole Schröder – ebenfalls Bundestagsabgeordneter – verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder. 

SosoJaja: Frau Schröder: Wie familienfreundlich ist die deutsche Politik?

Dr. Kristina Schröder: Es gibt noch Luft nach oben.

SosoJaja: Gibt es Ihrer Meinung nach einen Punkt, ab dem man sich für Familie oder Politik entscheiden muss? Eine Art gläserne Decke der Vereinbarkeit beider Sphären?

Schröder: Nein, die Kombination von beidem ist möglich und wird von vielen Politikern auf allen Ebenen gelebt. Die Frage ist allerdings, ob man es unter den gegebenen Bedingungen möchte. Das muss jeder selbst wissen.

SosoJaja: Wie passen familienfreundliche Arbeitsbedingungen für Amtsträger in eine eng getaktete Medienlandschaft, in der jede Nachricht immer sofort kommentiert werden will?

Schröder: In hohen politischen Ämtern muss man oft sofort reagieren. Auch ich musste in meiner Zeit als Ministerin mehrmals einen Familienurlaub unterbrechen. Das lässt sich nicht vermeiden, das gehört dazu. Auf viele Talkshow-Auftritte habe ich allerdings verzichtet. Nächtliche Live-Auftritte und nächtliches Hunger Stillen von einem Säugling – da kam ich an physische Grenzen.

SosoJaja: Wäre es nicht eine Einschränkung der Handlungsfähigkeit von politischen Institutionen, wenn man nur noch zu bestimmten Zeiten agieren könnte?

Schröder: Zum einen ganz grundsätzlich: Auch ein Abgeordneter, selbst ein Bundesminister, muss mal Wochenende haben oder in den Urlaub fahren können. Zum anderen ganz konkret: Unsere Selbstverpflichtung fordert dazu auf, selbst keine Sitzungen auf den Sonntag zu legen, da dies alle Menschen in der Arbeitswelt Politik sehr belastet. Familienfreundliche Veranstaltungen am Wochenende, zu denen man seine Kinder mitbringen kann, sind ausdrücklich erwünscht.

SosoJaja: Gibt es positive Beispiele, an denen sich Ihre Initiative orientiert?

Schröder: Der Landtag Baden-Württemberg hat eine Art Elternzeit für Abgeordnete beschlossen. Das ist im Grunde genommen nicht anderes als ein Übereinkommen der Fraktionen, Auszeiten für beide Geschlechter in der Zeit direkt nach der Geburt zu ermöglichen. So etwas wünschen wir uns für den Bundestag auch.

SosoJaja: Ihre Initiative listet sechs Initiatorinnen auf – aber keinen einzigen Mann. Wurden Männer gar nicht erst gefragt, oder haben sie sich nicht getraut?

Schröder: Das ist richtig, die Initiative ging zunächst von einigen weiblichen Abgeordneten mit kleinen Kindern aus. Aber an die Abgeordneten-Väter – die natürlich ebenso betroffen sind! – haben wir stets ebenso gedacht wie an die Mütter. Mittlerweile sind auch die Väter bei unseren Arbeitstreffen dabei.

SosoJaja: Liegt darin, dass eine solche Initiative hauptsächlich von Frauen getragen wird, nicht schon eines der Kernprobleme? Haben Männer in der Politik die Familie überhaupt auf dem Radar?

Schröder: Ja, das haben sie: Von den 83 Bundestagsabgeordneten, die die Selbstverpflichtung unterschrieben haben, sind 39 männlich.

SosoJaja: „Eltern in der Politik“ regt eine Selbstverpflichtung der Parlamente an. Halten Sie die Gesetzgebung für das falsche Instrument, um Ihre Forderungen geltend zu machen?

Schröder: Wir haben die Selbstverpflichtung bewusst so formuliert, dass jeder, der in der Politik Verantwortung trägt, teilnehmen kann: jeder Mandatsträger auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene, jeder Bürgermeister, jeder Gemeindeverband und alle Bundesparteien, Menschen mit und ohne Kindern. Wer teilnimmt, sendet das Signal: Wir reden nicht nur über Familienpolitik, sondern wir wollen auch die Arbeitswelt Politik so einrichten, dass Familie und Politik besser vereinbar sind. Es geht uns um einen Kulturwandel, nicht um gesetzliche Regulierung.

SosoJaja: Ihre Nachfolgerin im Amt der Familienministerin, Manuela Schwesig, erwartet ihr zweites Kind; ist also sogar persönlich von solchen Fragen betroffen. Unterstützt sie „Eltern in der Politik“ aktiv?

Schröder: Sie hat bislang die Selbstverpflichtung nicht unterzeichnet.

SosoJaja: Welches Feedback bekommen Sie von der konservativen Basis Ihrer Partei für Ihren Ansatz? Werden die Probleme dort anerkannt? Oder gilt Ihre Initiative dort als Symbolpolitik?

Schröder: Ich bekomme fast nur positive Rückmeldungen. Gerade die ehrenamtlichen Kommunalpolitiker, die Politik neben ihrem Beruf betreiben, wünschen sich mehr Zeit für die Familien. Einige meiner Parteifreunde zögern beim politikfreien Sonntag. Aber es geht uns ja vor allem um Sitzungen, familienfreundliche Termine bei Vereinen oder Ähnlichem sind vollkommen in Ordnung und gehören zum Geschäft.

SosoJaja: Sehen Sie Parallelen zwischen politischem Spitzenpersonal und den Führungskräften in der freien Wirtschaft? Wird es entsprechende Partnerschaften geben?

Schröder: Die Selbstverpflichtung richtet sich bewusst an alle und nicht nur an Spitzenpersonal. Aber in der freien Wirtschaft kann sich der Bundestag schon etwas abschauen. Wir planen zum Beispiel eine Kindernotbetreuung für Abgeordnete, wie es sie auch in vielen Unternehmen gibt.

SosoJaja: Herzlichen Dank für das Gespräch!

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