Die Staaten der anderen

Es ist wieder passiert. Leider muss das Wörtchen „wieder“ seinen Platz in diesem Satz finden. Die französische Regierung hat es erneut nicht geschafft, ihre Bürger zu schützen. Weit über 100 Menschen mussten am 13.11.2015 in Paris ihr Leben lassen, weil fanatische Terroristen meinten, irgendein Zeichen mit einer Massentötung setzen zu müssen, die die französische Regierung – für den Schutz ihrer Bevölkerung verantwortlich – nicht verhindern konnte.

Die Franzosen sind nicht allein mit diesem Problem. Ob nun die Anschläge in Madrid, London, New York, Boston oder eben bereits im Januar in Paris: Die westlichen Regierungen scheinen, allen erfolgreichen Vereitelungen zum Trotz, grundsätzlich an der Aufgabe zu scheitern, den internationalen Terrorismus vollständig unter Kontrolle zu halten. Die Frage ist: Was lernen wir daraus?

Erst einmal müsste man fragen, woher der Hass kommt. Eine Frage, die kaum zu stellen ist, so komplex ist die Antwort darauf. Der Westen gilt in vielen Regionen der Welt als Projektionsfläche für „das Böse“ – was auch immer das sein soll. Verargumentiert werden diese wahnwitzigen Urteile auf vielerlei Weise, wobei die religiöse sicherlich im Vordergrund steht. Die Ungläubigen, die ihren sündhaften Lebenswandel noch damit krönen, dass sie ihre Kultur der Gottlosigkeit und des Konsums in alle Ecken der Welt exportieren.

Jede säkulare Gesellschaft muss als gotteslästerlich gelten. Wer den Propheten Mohammed nicht in das Zentrum stellt, hat aus Sicht der Fanatiker schon verspielt. Diesen Vorwurf müssen wir akzeptieren.

Auf den Export unserer Kultur allerdings fällt ein anderes Licht: Er wird begleitet von der enormen ökonomischen Dominanz, die der Westen ausstrahlt. Schlicht und einfach weil wir die Kanäle bezahlen und die Inhalte kaufen können, befördern wir in unserem kapitalistischen System die immer neue Wiederauflage unserer kulturellen Werte und deren Export – eben auch in Länder, die diese Werte nicht teilen. Ist das ein Fehler?

Im Grunde nicht. Einem jeden Land steht es frei, unsere Exporte einzukaufen oder nicht. Der Westen diktiert nicht, er bietet an. Und unterscheidet sich allein dadurch massiv von atavistischen Kulturen, denen Peitschenhiebe näher sind als die zweifelhaften Segnungen des Pay-TV. Doch diesbezüglich ständig Belehrungen auszuteilen wie eine unterzuckerte Stiefmutter, darum ist der Westen auch nie verlegen gewesen.

Allerdings hat der Export unserer Kultur ein zweites, nur teilweise ökonomisch geprägtes Ventil – und zwar der Einsatz militärischer Mittel außerhalb der Grenzen demokratischer Werte. Die Neigung des Westens, seine Überlegenheit dazu zu benutzen, sein System in Gesellschaften hineinzudrängen, die kulturell so anders veranlagt sind, dass dieser Versuch schiefgehen muss, ähnelt der Operation, bei der einer Katze das Herz eines Hundes implantiert werden soll: Wo die Venen und Arterien sitzen, ist bekannt – also legt der Chirurg los. Und wundert sich dann, warum der Patient umgehend kollabiert.

In der Vergangenheit hat der Westen, speziell mit dem Irak-Krieg, den Beweis dafür geliefert, dass er nicht nur seine als universell angenommenen Werte entlang der Menschenrechtscharta in die Welt tragen möchte, sondern vor allem – und notfalls auch auf Kosten seiner vorgeschobenen Werte – seine ökonomischen Interessen mit militärischen Mitteln durchzusetzen bereit ist.

Im Grunde interessiert dieser Zusammenhang niemanden im Lager der Terroristen. Würden sie auch nur annähernd entlang dieser Linien denken, so gäbe es auch argumentative Auseinandersetzungen mit dem Westen – denn das ist unser verwundbarster Punkt: unsere Offenheit für Kritik. Doch das einzige, was aus den Regimen zu hören ist, sind die Explosionen, mit denen man sich verteidigt. Wogegen man sich dabei wehrt, bleibt allerdings diffus. Gegen die westliche Kultur. Das ist zwar platt und dümmlich, aber es entspricht der emotionalen Lage solcher Geister.

Der Westen jedoch sollte aus Katastrophen wie denen in Paris lernen, dass die Durchsetzung von Interessen gleich welcher Art – ökonomischer, politischer, militärischer, kultureller oder ideologischer – ihn vor sich selbst immer dann argumentativ schwächt, wenn er diese Interessen nicht mit universellen Werten begründen kann.

Haben wir ein Recht, irgendwo einzuschreiten, wenn nicht Menschenrechte mit Füßen getreten werden? Nein. Haben wir das Recht, irgendwo einzuschreiten, wenn Menschenrechte mit Füßen getreten werden? Vielleicht. Denn auch wir sind nicht konsequent und lupenrein in der Lage, unseren eigenen Ansprüchen zu genügen. Die Todesstrafe in den USA, die kriegerischen Handlungen seitens der Amerikaner, der Briten, vieler anderer Europäer, das Scheitern in der Flüchtlingskrise, etc; die historische Lichterkette des Versagens demokratischer Staaten zieht sich von Vietnam über die Falklandinseln bis in den Irak und bald noch viel weiter.

Der Westen muss lernen, seinen eigenen Werten beispielhafter zu folgen und weniger darauf zu pochen, ein Beispiel zu sein. Nur dann gibt es auch eine echte Chance darauf, dass die Rosinen des westlichen Wertesystems eines Tages auch von nichtwestlichen Gesellschaften gepickt werden. Dass wir Zuwachs in der Familie der Staaten bekommen, die sich freiwillig – nämlich aus Überzeugung – an universelle Werte binden, und nicht, weil man sie an der kurzen Leine an diesen Pflock fesseln wollte, bloß weil dort das Gras grüner wächst als anderswo.

Dann hätten wir auch – langfristig, auf sehr, sehr lange Sicht – die Chance, mit stabileren Staaten und aufgeklärteren, friedlicheren Regierungen zusammenzuarbeiten, denen das Glück ihrer Bevölkerungen etwas mehr am Herzen liegt als Diktatoren, Religionsführern und selbsternannten Monarchen.

Bis dahin heißt es: Findet die Terroristen. Zerstört ihre Strukturen. Macht ihnen den Prozess. Und lasst euch nicht zur Verhängung von Sippenhaft hinreißen.

Kafka gemalt

Während bei Kafka die Paranoia noch dem eigenen Staat entsprang, sind es mittlerweile diejenigen, die diesen Staat von außen ablehnen und von innen zerstören wollen. Was der alte Franz wohl dazu gesagt, oder – noch viel besser – geschrieben hätte… 

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