Altdeutsch & Neudeutsch

Lieber Herr Fleischhauer,

gleich vorneweg: Ich bin Ostdeutscher und damit befangen. Dennoch meine ich, dass Sie sachlich mit Ihrer Frage, ob die Wiedervereinigung ein Fehler war, falsch liegen.

Die Wiedervereinigung war nichts weniger als das Tor zum größten Integrationsprozess in der deutschen Geschichte. Nie zuvor mussten 17 Millionen Menschen in eine deutsche Gesellschaft aufgenommen werden, und dennoch hat man das Wort „Integration“ seinerzeit kaum in den Mund genommen: Es herrschte vielmehr die Erwartungshaltung vor, man nehme einen verschollenen geglaubten kleinen Bruder bei sich zu Hause auf, der ein paar Jahre unschuldig im Knast gesessen hatte und sich nun wieder wie alle anderen Familienmitglieder artig an den Küchentisch setzt, als wäre nichts geschehen. Dass der kleine Bruder zwar noch derselbe ist wie früher, dennoch aber ein anderer, ließ man als eine Art schräge Marotte gelten, die sich schon auswachsen werde.

Wird sie auch. Doch das dauert. Wir haben jetzt 25 Jahre geschafft. Das entspricht genau einer Generation. Und wir alle wissen, dass die alten Kader, die sich niemals ändern, ein Problem sind, das die Zeit von allein lösen wird. Problematischer ist die tief verwurzelte Kultur der Abschottung, die Erfahrung der Repression, des unter sich Seins. Diese aber aufzubrechen, muss eine beiderseitige Integrationsleistung sein. Und was eignete sich dafür besser, als eine Integrationsaufgabe wie die jetzige, die die unausgesprochenen Fragen und Probleme auf den Tisch bringt und klar benennt?

Darüber hinaus wiederlegen Ihre Thesen sich selbst: Die aus der Diktatur zugeflüchteten Ostdeutschen wollen Sie im Nachhinein doch lieber nicht aufgenommen und integriert haben, weil es Ihnen zu lange dauert, bis das Ergebnis stimmt? Aus Ihrer Argumentation höre ich aber heraus, was Sie an Rechten und Linken vollkommen zutreffend kritisieren: Man will unter sich bleiben. „Das zentrale Versprechen ist Homogenität.“ Offenbar auch für Sie eine Verlockung?! Lieber ohne den Osten, wenn er nicht Westen wird?

Wie aber stellt sich jemand, der diese argumentative Richtung einschlägt, die Integration der jetzigen Flüchtlinge vor? Was werden Sie in 25 Jahren über die schreiben? Dass Sie Merkels Politik aus dem Jahr 2015 verfluchen? Dass es ein finsteres Schicksalsjahr war, weil die Neudeutschen noch immer nicht so sind wie die Altdeutschen?

Ganz abgesehen davon würde mich Ihre Version vom 1990-2015 einer DDR ohne BRD interessieren: Meinen Sie, die Leute wären auch nur ansatzweise so offen, wie sie es jetzt bereits – wenn auch unzureichend – sind?

Ich erlebe ein kühnes Staunen über die eigene Courage bei denjenigen Ostdeutschen, die die Flüchtlinge willkommen heißen. Viele sind sich nicht ganz sicher, ob sie auf der richtigen Seite stehen. Helfen Sie doch lieber mit, denen Zuversicht zu geben. Statt ihnen zu erklären, sie wären besser geblieben, wo sie hergekommen sind.

Herzlichen Dank.

„Der Osten und die Toleranz: War die Wiedervereinigung ein Fehler?“, Jan Fleischhauer, Der Spiegel:

http://www.spiegel.de/politik/deutschland/toleranz-war-die-wiedervereinigung-ein-fehler-a-1067871.html

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