Hand auf der Schulter

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Über Ferdinand von Schirachs „Kaffee und Zigaretten“

 

Irgendwo im Buch finde ich ein kurzes, gerolltes Haar. Es ist gelblich, vielleicht grau, im Abendlicht ist das kaum auszumachen. Ich stelle mir vor, es wäre von Ferdinand von Schirach, eine kleine Geste der Verbundenheit, wie ein freundliches, konspiratives Nicken.

Was ich mit von Schirach zu benicken hätte, wäre nicht von mir bestimmt. Das legte er fest. Und zwar kapitelweise. Die Kapitel in Kaffee und Zigaretten sind nur mit ihrer ausgeschriebenen Nummerierung versehen, das 13. etwa heißt einfach Dreizehn. Die Titel sind also gewissermaßen aneinandergereihte Hohlkörper. Was anfangs eintönig wirken mag, ergibt mit der Zeit immer mehr Sinn: Die völlig verschiedenen, zusammenhangsfreien Geschichten, Anekdoten, Erinnerungen und Elogen haben neben ihrer Benennung immer eines gemeinsam: sie berühren. Sie berühren ihre Leserinnen und Leser wie eine Hand, die sich auf die Schulter legt, vorsichtig, beruhigend, irritierend nah. Wenn von Schirach beispielsweise von Lars Gustafsson erzählt, einem nicht mehr sehr gegenwärtigen schwedischen Schriftsteller, dann verströmt er auf nur fünf locker beschriebenen Seiten das gesamte Bouquet seines literarischen Könnens: in wenigen Sätzen, die so kurz und elegant, so gelungen und zielsicher ihr Werk tun, wie das nur bei von Schirach der Fall ist, führt er durch Erinnerungen, Verklärungen, lässt einen schallend lachen, traurig und weltbeschwert sein, nachdenklich und lebensfroh.

Dabei scheut er das Klischee nicht. Es wird viel geraucht, viel in Cafés herumgesessen. In einer Geschichte stellt von Schirach uns eine Frau vor, die ihren Mann für ihre innere Leere und die Suche nach etwas verlassen hat, das sie erfüllen könnte. Schlaflos wandelt sie durch ein Örtchen am Atlantik und begegnet, natürlich, einem glücklichen Liebespaar. Bei anderen Autoren würde man hier das Gefühl haben, den Kitsch mit dem Vorschlaghammer auf die Ohren gehauen zu bekommen. Bei von Schirach fällt ebenjener Hammer im letzten Satz auf einen Amboss: „Auch ohne die Begabung glücklich zu sein, gibt es eine Pflicht zu leben, denkt sie jetzt.“

Kaffee und Zigaretten ist ein wunderbares Buch. Es ist ebenso leichtfüßig wie lebensschwer, es lockt und lässt einen auch wieder los, nur bleibt man anders zurück, als man vorher war. Man möchte sich die 187 Seitchen gut einteilen, damit sie möglichst lange vorhalten. Und schafft es nicht, nicht mal als Stotterleser, als jemand, der gern weglegt und selten Gelegenheit zum Wiederzugriff findet. Man spürt, dass hier ein wachsamer Mensch wie mit dem Fernglas in den eigenen Erinnerungen nach nachgewachsenem Material späht, nach aufgeforsteten Geschichten, die ein anderer vielleicht vergessen hätte, keinesfalls jedoch aufschriebe.

Dabei ist es jede einzelne davon wert, aufgeschrieben zu werden. Von Schirach ist mit Mick Jagger so gut wie allein im Kino, besucht Imre Kertész zu Hause, fährt nach Paris zu einer Haute-Couture-Show. Er lässt Begegnungen und zwielichtige Erinnerungen vor den Augen seiner Leserinnen und Leser ablaufen, immer auf den Fluchtpunkt des Geschehens zusteuernd. Dabei ist er fast ein wenig berechenbar. Zuverlässig werden historische Spiegelkabinette, intellektuelle Fallhöhen und humanistische Pointen erzeugt. Man darf auf sie warten und wird nicht enttäuscht. Es ist wie der Gang in ein exzellentes Restaurant.

Laut Börsenverein des deutschen Buchhandels steht es schlecht um die deutsche Leserschaft: innerhalb von nur fünf Jahren sei sie um fast 18% kleiner geworden. Die Menschen läsen kaum noch, und wenn, dann keine Bücher. Es gebe Überlegungen, Yoga-Kurse oder Ü-30-Parties in Buchhandlungen abzuhalten, um Publikum zu gewinnen, schreibt Der Spiegel. Das sind natürlich schlimme Nachrichten, aber sie sind einem auch ein kleines bisschen egal, wenn man Kaffee und Zigaretten in den Händen hält. Ein Buch, das man meint, direkt mit dem Autor zu teilen, das wie ein echtes, tiefes Gespräch über viele Themen, über das Leben daherkommt. Ein Gespräch, in dem man sich wirklich zuhört. Ein Gespräch, in dem man mehr von dem Menschen Ferdinand von Schirach zu erfahren meint, als jedes Interview aus ihm herausangeln könnte. Autobiografisches, Menschliches, Gedankliches. Es ist das Glück des guten Zuhörers, das hier zelebriert wird, so man denn ein offenes Ohr hat, und einen Kaffee, und bei Bedarf auch einen Aschenbecher.

 


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