Die Pädagogik des Westens

Der Westen behandelt den Rest der Welt autoritär. Das fordert eine quasi-pubertäre Abgrenzung vom westlichen Gesellschaftsentwurf geradezu heraus. Versuch eines Brückenschlags zwischen Machtpolitik und Familientherapie.

 

I. Nachbarskinder

Reihenhaussiedlung. Reihe: Müller, Schulz, Lehmann. Müller schmeißt seinen Müll bei Schulz in den Garten, macht einen Komposthaufen auf die Terrasse seines Nachbarn. Schulz hat Angst vor Müller, denn Müller ist ein ehemaliger Boxer, roh und aggressiv. Als er sich beschwert, sagt Müller, Schulz solle die Klappe halten. Schulz wendet sich an Lehmann. Lehmann spricht Müller an, so gehe das nicht, was er da mit dem gemeinsamen Nachbarn mache. Er solle sich aus dessen Garten zurückziehen. Müller: „Fresse halten, Arschloch. Sonst kannst du deine Terrasse auch gleich abtreten.“

Müller, Schulz und Lehmann haben je zwei Kinder. Vermutlich lautet ihr Rückschluss, wie diese Kinder groß werden, nachdem sie dies hier gelesen haben:

  1. Müller: brutal, repressiv, gefühlskalt
  2. Schulz: ängstlich, repressiv
  3. Lehmann: liberal, couragiert, rechtsstaatlich orientiert

Was meinen sie könnte man tun, damit die Kinder der Müllers und der Schulzes etwas von den Lehmanns lernen und nicht so wie ihre Eltern werden?

Die meisten Menschen würden psychologisch argumentieren. Sie würden vorschlagen, dass die Lehmanns die Nachbarskinder einladen, sie an ihrem Klavier üben oder an ihrem Esstisch über Gott und die Welt philosophieren lassen sollten. Dass sie ihnen die angstfreie Offenheit vorleben sollten, die diese Kinder in ihrem eigenen Elternhaus wahrscheinlich nicht kennenlernen werden. Und vermutlich haben sie Recht. Vorzuleben funktioniert. Oder mit Karl Valentin gesprochen: „Wir können Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.“

Eine andere Variante wäre zu sagen: Lehmanns sollten sich eine Waffe besorgen, falls Müller Amok läuft. Schulz sollten sie dasselbe empfehlen. Die Kinder sollten sich nicht sehen. Schlechter Umgang; Gefahr im Verzug. Kein Wort mehr über den Gartenzaun. Für das Problem mit dem Müll: die Polizei einschalten. Für das Problem mit der Nachbarschaftlichkeit: Nun ja, da muss mal wohl alle Hoffnungen begraben. Wäre ja kein Einzelfall.

Das kleine Reihenhausbeispiel ist natürlich nur eine Simplifizierung der gegenwärtigen Situation zwischen Russland, der Ukraine und der EU. Eine fast satirische. Wir befinden uns in der Phase erster Gewaltanwendung, fortgeschrittenen Drohens, des Austausches von Bekenntnissen dazu, wie gewaltbereit man im Fall des Falles wäre. Mit einem Unterschied zum Reihenhaus-Beispiel: Russland scheint, ebenso wie der Westen, nicht der Ansicht zu sein, dass man Nachbarskindern – den jungen, nachwachsenden Generationen der jeweils anderen Seite also – Beachtung schenken sollte. Sie sind egal. Niemand fragt nach ihnen. Sie laufen mit. Sie hören, was abends am Esstisch über die Nachbarn gesagt wird. Das reicht. Respektive: was die Medien des jeweiligen Landes zum Common Sense über diesen Krieg erklären, muss reichen.

Natürlich sind Situationen wie die mit Russland jetzt akut, und nicht in zehn oder zwanzig Jahren. Hoffentlich zumindest. In zehn oder zwanzig Jahren werden diese Probleme, die wir jetzt miteinander haben, auf die eine oder andere Weise gelöst sein. Vielleicht auf die schlechteste, vielleicht auf die beste. In zehn oder zwanzig Jahren aber findet sich eine andere Generation in der Verantwortung wieder. Eine Generation von Kindern, die an Esstischen und Gartenzäunen, oder eben in den Medien zugehört hat, wie man es macht. Oder besser gesagt: wie man es nachmacht. Denn etwas anderes wird sie nicht tun – siehe Karl Valentin.

II. Familie & Politik

Es gibt Forscher, die sich ausgiebig mit dem Zusammenhang von Familienstrukturen und politischer Kultur auseinandergesetzt haben. Dieser soziologisch-politikwissenschaftliche Zweig, dessen Star der Franzose Emmanuel Todd ist, hat eine zentrale These in der Vergangenheit gut belegen können: dass beides miteinander zu tun hat. Dass Familienstrukturen auf politische Strukturen einwirken; dass sie sie prägen. Das Erbrecht spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Stellung der Frau in der Gesellschaft, die Freiheit bei der Partnerwahl, die Alphabetisierungs- und die Geburtenrate. Vor allem aber die historische Familienstruktur.

III. Kulturelle Elternschaft

Eltern sollten, raten moderne Familientherapeuten, ihren Nachwuchs durch die Kindheit begleiten, anstatt ihn durchzuschleifen. Weniger Druck, mehr Rechte, mehr Möglichkeiten zur Selbstentfaltung, zur Identitätsfindung, denn: Jeder Mensch ist anders, jeder ein Individuum, und es ist die Pflicht der Eltern, diese Spielräume zu lassen – und also verantwortlich und maßvoll mit ihrer Macht umzugehen. Sie nicht zu missbrauchen, sondern gezielt und sparsam dosiert zum Vorteil derer einzusetzen, über die sie sie haben. Letztlich, so das Verständnis, werden aus den Kindern ganz automatisch anständige Leute, wenn man ihnen genügend Liebe, Freiraum und Vertrauen entgegenbringt und entsprechende Werte vorlebt.

Biologische Eltern tun sich damit oft schwer. Ihr erster Impuls ist es, sich und die Kinder vor deren Fehlern zu schützen. Sie wollen Schaden vermeiden. Sie blockieren, kontrollieren, werden misstrauisch und schnell übergriffig. Vertrauen ist ihre Sache nicht. Eher Angst. Aus ihrer Angst wird im schlechtesten Fall der Hass ihrer Kinder auf die Eltern, die ihnen nicht vertrauen, die ihnen das Gefühl geben, sie als Kinder schafften es nicht allein, sie müssten kontrolliert werden und jeder Fehler sei eine Katastrophe. Solche Kinder sehnen den Tag herbei, an dem sie das Elternhaus hinter sich lassen können. Dann suchen sie sich neue Eltern. Nicht-biologische.

Nicht-biologische – also kulturelle, selbstgewählte – Eltern haben meist kein festes Ziel für die unerfahrenen Menschen, die sich an ihnen orientieren. Sie bringen ihnen im besten Fall Wohlwollen entgegen und helfen, wo sie können, kommen aber in der Regel nicht auf den Gedanken, ihnen vorzuschreiben, was sie zu tun oder zu lassen hätten. Sie verhalten sich oftmals so, wie gute Eltern es aus Sicht moderner Familientherapie tun sollten: sie begleiten. Fürsorglich, aber nicht übergriffig. Mit Maß, Verstand und Empathie. Es sei denn, sie wollen ihre Schützlinge ausnutzen. Dann missbrauchen sie ihre Macht und das in sie gesetzte Vertrauen um zu manipulieren; wie der Professor, der seine Forschungsartikel von seinen Doktoranden schreiben lässt, dann aber als einziger Autor auftritt, oder der Abteilungsleiter, der herausragende Leistungen seiner Mitarbeiter für sich reklamiert.

IV. Der autoritäre Westen

Die Menschen im Westen halten sich für zivilisatorisch dem Rest der Welt überlegen. Sie sind sich fast immer sicher, dass sie nicht nur politisch, ökonomisch und technisch die Weltherrschaft unter sich ausmachen können, sondern auch kulturell. Sie glauben, dass ihre Offenheit, ihre demokratische Tradition und ihre freiheitliche Grundausrichtung allen anderen Staats- und Zivilisationsentwürfen weit voraus ist. Möglicherweise haben sie damit Recht – jedoch: Was folgt aus ihrem Verhalten?

Eine der Konsequenzen ist, dass man im westlichen Kulturkreis fest davon ausgeht, dass andere Erdteile und Kulturen über kurz oder lang dieselben Errungenschaften anstreben werden, die den Westen auszeichnen. Die Demokratie werde sich ausbreiten, eine wie auch immer geartete Form von Kapitalismus ebenfalls, und in diesem Humus werde auch ein freies, selbstbestimmtes Menschenbild heranwachsen.

Niemand weiß, ob es so kommen wird, aber Entwicklungen wie die des Arabischen Frühlings machen trotz aller Verirrungen Hoffnungen. Der europäische Ostblock hat sich in dieser Tradition neu erfunden, und viele andere Beispiele deuten ebenfalls auf Parallelen hin. Legt man nun das lineare Geschichtsbild des Westens zugrunde, so bleibt nur ein Schluss übrig: Selbst die größten Feinde der westlichen Kultur werden eines Tages in deren Fußstapfen treten. Der Westen spurt die Loipe, der Rest läuft hinterher. Eben nur um ein paar Jahrhunderte versetzt.

Daraus – aus dem gefühlten Vorausgehen in der Entwicklung der Menschheit – entwickelt sich ein Gefühl der Elternschaft. Nicht nur neue Demokratien „stecken noch in den Kinderschuhen“, oder haben „Kinderkrankheiten“. Auch die alten, gewachsenen Demokratien werden einschlägig beschrieben – nämlich als Vorbild für die anderen. Sie wissen „die Wiege der Demokratie“ in ihrer Mitte und sehen sich als alleinige Bewahrer von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, von demokratischen Werten schlechthin.

Die westliche Kultur nimmt sich selbst in der Elternrolle wahr. In ihrer Vorstellung hat sie all das hinter sich, was den anderen noch bevorsteht, und sie könnte Rat erteilen. Sie könnte und will: Ihr Wille zur Begleitung, zur Anleitung ist nicht übersehen; sie gibt ihm politisch, ökonomisch, ja sogar militärisch Ausdruck, wenn selbst so schwach entwickelte Krisenregionen wie der Irak „demokratisiert” werden sollen.

Der Westen – und hier kommen wieder die Forscher um Emmanuel Todd ins Spiel – hat zwar keine einheitliche Vererbungstradition, Familienstruktur oder Geburtenrate, verhält sich aber in seiner Elternrolle tendenziell autoritär. Es wird gedroht (Iran, Pakistan, Nordkorea, …), bestochen (Israel, Osteuropa, Russland, …), gezüchtigt (Irak, Libyen, Mali, …), belohnt (Osteuropa, Israel, …) und gepredigt, wenn westliche Staatsführer moralisierende Reden halten, wenn von China, Russland oder einem anderen nichtwestlichen Staat die Einhaltung der Menschenrechte und Ähnliches gefordert wird.

V. Erziehen und erzogen werden

Der vielleicht derzeit prominenteste Familientherapeut westlicher Prägung ist der Däne Jesper Juul. In einer Vielzahl von Publikationen analysiert er das Verhalten von Eltern und Kindern, beschreibt Muster und gibt Hilfestellungen zur Lösung von Konflikten.

Versucht man Juuls Arbeit und die anderer Therapeuten so weit wie möglich zusammenzufassen, so könnte man folgende Punkte auflisten:

  1. Kinder sind eigenständige Menschen, deren Integrität ebensowenig verletzt werden darf wie die Erwachsener. Sie sind gleichwürdig zu behandeln.
  2. Kinder wollen mit ihren Eltern kooperieren und ihnen ihre Wünsche erfüllen.
  3. Man muss Kinder ernst nehmen und ihnen zuhören, anstatt ihnen in den Mund zu legen, wie sie sich fühlen oder woran sie gerade scheitern.
  4. Man muss Kinder akzeptieren wie sie sind. Man darf ihren Charakter nicht verbiegen, man sollte ihn akzeptieren und versuchen, ihn zu ergründen.
  5. Wichtig ist, dass Kinder ein Selbstgefühl entwickeln, das ihnen eine Vorstellung davon vermittelt, wer sie selbst sind.
  6. Eltern sollten ihre Kinder mit dem richtigen Maß an Verantwortung begleiten, ihnen Vertrauen entgegenbringen und die richtige Mischung aus Nähe und Distanz im jeweiligen Alter finden.
  7. Eine tiefe, funktionierende Beziehung zwischen Eltern und Kindern ist der Schlüssel zu einer gelungenen Kindheit.

 

Juuls Werke und die seiner Kollegen greifen dabei immer wieder das autoritäre, paternalistische Erziehungsbild der Vorgängergenerationen auf. Darin wird klassischerweise dem Kind Misstrauen entgegengebracht, wenn es um die Ausprägung von Kompetenzen geht. Das Kind wird nicht selten geschlagen, herabgesetzt und herabgewürdigt, es bekommt in klaren Hierarchien seinen minderwertigen Platz zugewiesen und kaum ein Elternteil interessiert sich ernsthaft dafür, wer dieser Mensch eigentlich ist, der einem da auf der biologischen Zeitleiste nachfolgt. Dafür fragt man schon eher, wie er oder sie sein sollte.

VI. Autoritärer Liberalismus

Kommen wir zurück zur Politik, zur These, dass freiheitlich-demokratische Werte sich auch in totalitären Systemen durchsetzen werden, wenn die Zeitleiste nur lang genug ist. Angenommen, die westliche Kultur liegt mit ihrer Idee richtig, und es ist tatsächlich so, dass die weniger weit entwickelten Gesellschaften rund um den Globus sich nach und nach einem ähnlichen System wie dem westlichen unterordnen werden: Warum verhält sich der Westen dann autoritär, besonders wo seine Botschaft doch Freiheit ist? Warum fragt er nicht nach der Identität dieser Kulturen, sondern stellt Forderungen an sie? Welche Interpretationen von Respekt und Gleichwürdigkeit wären angemessen, wenn man familientherapeutische Thesen zugrunde legte? Wie viel Vertrauen, wie viel Nähe und Distanz ergeben die richtige Mischung? Und noch viel fundamentaler: Schlägt die westliche Kultur ihre Kinder? Würdigen sie sie herab? Hört sie ihnen zu, oder versucht sie die Charaktere der anderen nach ihrem Vorbild zu prägen? Hilft sie ihnen bei der Entwicklung einer eigenständigen Identität oder will sie einen Klon ihrer selbst erschaffen? Wie geht sie mit der grundsätzlichen Kooperationsbereitschaft ihres kulturellen Kindes um?

Viele dieser Fragen würden, stellte man sie Menschen in allen Erdteilen, unschöne Antworten zutage fördern. Eine Krisensitzung, ein Kriegsrat in der Welt-Familie wäre nötig. Ein Familientherapeut müsste die Sitzung leiten.

Befragte er die Kinder in dieser Beziehung, so würde er wohl den Willen zur Abgrenzung, zur größtmöglichen Distanz ebenso feststellen, wie den Neid auf die Kenntnisse, die Fähigkeiten sowie die Errungenschaften und den Wohlstand des Westens. Vielleicht ist das pubertär, vielleicht ist das die Trotzphase, die es laut moderner Familientherapie gar nicht gibt. Ein Vater-Sohn-Konflikt epischen Ausmaßes jedenfalls. Angriff und Verteidigung, Autorität gegen Aggression, alte Macht gegen neue. Kinder, deren Identität zuallererst in der Abgrenzung von den Eltern besteht; von denen die Psychologie weiß, dass sie stärker zu Gewaltausbrüchen und Drogenmissbrauch neigen.

Warum, würde der Therapeut die in der Elternrolle steckenden Westler fragen, warum seid ihr so autoritär? Was lässt euch so sein? Der Westen müsste auf die Couch. Er würde von seiner eigenen Kindheit erzählen müssen; schlimme Dinge kämen dabei ans Licht, all die Misshandlungen, Verstümmelungen und Verletzungen, die die freiheitlich-demokratische Seele auf dem Weg ihrer Selbstfindung durchleiden musste, wären plötzlich wieder Gegenstand der Betrachtung.

Der Familientherapeut würde dem Westen raten, sich diesen Erfahrungen, diesen Erinnerungen zu stellen. Der Westen würde antworten, das mache er ja; seit Jahrzehnten befasse er sich intensiv mit sich selbst. Mahnmale, Dokumentationen, Schulunterricht – die dunkle Geschichte sei allgegenwärtig.

Dann, so der Familientherapeut vielleicht, müsse es etwas anderes sein, vielleicht etwas Gegenwärtiges. Welche Sorgen, würde er vielleicht fragen, machen sich die Eltern im Alltag am Häufigsten? Der Westen müsste nachdenken. Neben den Eskapaden der Kinder, die es einzufangen gelte, wären da immerhin die beständigen Geldsorgen. Das auf-der-Höhe-, das am-Ball-Bleiben. Die Sucht nach Reichtum. Ein bisschen viel Alkohol wegen der vielen Arbeit vielleicht. Und natürlich die Verwaltung des großen Reihenhauses, das nicht nur einen Haufen Geld koste, sondern auch jede Menge zusätzlicher Arbeit mache.

Die Sucht nach Geld, der Zwang zur Arbeit, die Aufrechterhaltung des Status Quo, Sorgen um die Kinder und die schreckliche eigene Kindheit, würde der Therapeut zusammenfassen. Das seien die Koordinaten des westlichen Erziehungsstils. Eine Menge Arbeit wartete da.

Jetzt soll nochmal einer sagen, es wäre glasklar wie dieser Reihenhausbesitzer heißt: Müller, Schulz, Lehmann.

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