Weltenberge in gekrümmten Zeiten

Daniel Kehlmanns „Du hättest gehen sollen“ ist weit mehr als die Horrorklamotte eines gelangweilten Starautors. Sie verhanelt den westlichen, digital geprägten Lebensstil im 21. Jahrhundert anhand von Kriterien aus Kunst, Wissenschaft und Religion.

von Martin Kruse

 

  1. Literaturkritikkrititk?
  2. Bergwelten und Weltenberge
  3. Gegenwartsgefangenschaften
  4. Das gekrümmte Ich
  5. Etymologische Paralleluniversen
  6. Gödel, Escher, Kehlmann
  7. Null oder eins
  8. Literaturkritikkritik!

 

 

1. Literaturkritikkritik?

Die Literaturkritik ist eine krisenfeste Branche: Bücher werden nach wie vor gelesen und kritisiert, die Kritik wird dann wieder von Autoren und Kritikern aufgegriffen; im besten Fall gibt es eine handfeste Debatte. Der Schriftsteller Daniel Kehlmann allerdings hat es längst aufgegeben, öffentlich zu widersprechen. Er tut es höchstens allgemein oder in Büchern; nicht mehr mit Bezug auf einen speziellen Text oder Kritiker. Schade eigentlich.

Dabei liefert er der Urteilsmaschinerie seiner Branche wunderbare Steilvorlagen: Im Jahr 2005 wurde Kehlmann durch „Die Vermessung der Welt“ international erfolgreich, verkaufte unfassbar viele Bücher und wurde zum Star der Szene. In jenem Buch wird die Welt von zwei Geistesgrößen einerseits bereist und kartografiert, andererseits mathematisch abstrahiert und theoretisiert, in jedem Fall aber durchdacht. Dass nun in seinem neusten Roman ausgerechnet ein Geodreieck zu einem der zentralen Werkzeuge der Welterkenntnis wurde, müsste in böswilligen Kritikerohren wie Weihnachtsglocken klingen – verrücktgeworden, der Mann, könnten sie schreiben. Albern! Billigste Epigone eigener, längst versandeter Meisterschaft! Krankhaft lächerlich! Doch so einfach lässt einen Kehlmann nicht davonkommen.

2. Bergwelten und Weltenberge

„Du hättest gehen sollen“ ist eine große Parabel, viel größer als die wenigen Seiten, 95 an der Zahl, es vermuten lassen. Die erzählte Konstruktion ist einfach: Ein namenloser Icherzähler, er ist Drehbuchautor – ein quälend lausiger noch dazu –, fährt mit Frau Susanna (Schauspielerin) und Tochter Esther (vier Jahre alt) für einige Tage Anfang Dezember in ein einsames Haus am Berg, zu dem eigens eine gefährliche Serpentinenstraße führt. Die Unterkunft ist wunderschön gelegen, standesgemäß ausgestattet und doch scheint es ein wenig zu spuken: Korridore verlängern sich, fremde Stimmen sind zu hören, geisterhafte Gesichter zu sehen, Träume werden obskur. Vor allem aber gerät die Geometrie aus den Fugen: Der Gemischtwarenhändler Gruntner schenkt dem Gast ein Geodreieck und empfiehlt, die Winkel im Haus nachzumessen. Der Icherzähler tut das und kommt bei eigentlich rechten Winkeln nicht auf 90, sondern mal auf 82, mal auf 100 Grad. Die Vermessung seiner Welt scheint mit einem Geodreieck nicht präzise zu bewerkstelligen.

Woran liegt das? Einen Erklärungsansatz liefert Kehlmann einige Seite weiter, am Ende des 5. Dezember, als er im Traum vom Haus aus „den anderen Berg“ sieht, hinter dem Gletscher. Der ist so massereich, so groß, dass er eine so ungeheure Gravitation entwickelt, dass der Erzähler sich körperlich von ihm angezogen fühlt. Sein Abgrund ist unfassbar tief, „Stunden hätte man fallen können“ – würde man aber nicht, denn dieser massereiche Berg zöge einen zu sich heran, so dass man an ihm zerschellte. Es ist wohl die Gravitation dieses Berges, die die Winkel im Haus verzieht, die der Geometrie trotzt. Und dann nennt der Erzähler diesen Berg „Weltenberg“, sagt, er könne „es nicht wegschieben, denn das ist er“.

Wenn der Raum gekrümmt wird – und das legen die verzogenen Winkel nahe –, verändert sich auch die Zeit: Nikolaus findet in Kehlmanns Geschichte folgerichtig am 6. Dezember auch nicht statt; Schnee liegt trotz Jahreszeit und Höhe auch nicht, es ist lediglich kalt.

Eine Raumzeitkrümmung, so kann man als Ahnungsloser auf Wikipedia nachlesen, wird „lokal durch die Verteilung aller Formen von Masse bzw. Energie verursacht“. – Literatur mittels einsteinscher Feldgleichungen und Relativitätstheorie: Das dürfte ganz nach Kehlmanns Geschmack sein, der er doch für seine Affinität zur Naturwissenschaft bekannt ist. Doch welche enorme Masse ist das, dieser Weltenberg, der unseren Icherzähler so unwiderstehlich anzieht?

Mag der Name auch etwas plump daherkommen, so gibt es doch Anzeichen dafür, dass es sich um das digitale Paralleluniversum unserer Zeit handelt – im Wesentlichen also um das Internet, die binäre Gegenwelt, die uns überall hin, selbst noch an den entlegensten Ort folgt. Diesen Ort – das Haus in den Bergen, das ein gewisser Herr Steller vermietet – hat der Erzähler vor allem deshalb ausgesucht, weil er endlich wieder produktiv arbeiten möchte. Er soll die Fortsetzung eines erfolgreichen Unterhaltungsfilms schreiben, in dem es um Gewöhnlichkeiten, um die langweiligen Scherze durchschnittlicher Figuren und die Verquickungen stereotyper Beziehungsgeschichten geht. Doch er kam nicht dazu. Keine vernünftige Zeile brachte er vor seinem Familienausflug in seinem Notizbuch unter, auf dessen Seiten auch der Roman beginnt: mit wenigstens einer halben Idee, wie die Handlung vorangetrieben werden könnte. Man muss wissen, dass Kehlmann selbst in Interviews bekannt hat, mitunter per Hand zu schreiben, um sich nicht von den Verführungen des Internets von der Arbeit abbringen zu lassen.

3. Gegenwartsgefangenschaften

Es geht also um das Wechselspiel von Konzentration und Ablenkung aus der Sicht eines Autors, und wie es sich zugunsten der Ablenkung verschoben hat. Der digitale Weltenberg droht den kreativ Arbeitenden, in den man für dieses Bild wohl auch Kehlmann selbst insinuieren darf, für Stunden ins Unendliche fallen zu lassen, und fiele man einmal, so „hielte einen nichts mehr“. Die Menge an Wissen, an Geschichten und an zu durchstöberndem Informationsunrat lässt, so die Beschwerde, seine Konsumenten zu Nachrichtensüchtigen werden, die irgendwann in ihrer Sucht auch billige Nachahmerprodukte konsumieren: Informationen, die keinen Nachrichten- aber einen Meldungswert haben.

Wie kann man, fragt Kehlmann hier also, in einer informationsüberfluteten Zeit noch kreativ und konzentriert ein kluges Werk abliefern? Nicht einmal in einsamsten Bergeshöhen lässt einen der Weltenlauf abschalten; man ist gegenwartsgefangen, entkommt den Gleichzeitigkeiten auf diesem Planeten ebensowenig, wie man sie vor einigen Jahrhunderten in der Lage gewesen wäre, abzubilden. Wie nun, will Kehlmann wissen, soll ein Autor zu sich selbst in einer derartigen Umströmung finden? Wie soll er etwas anderes als selbstreferentiellen Unterhaltungsnonsens produzieren, wie es ihn schon millionenfach gibt, abgeschrieben, kopiert und geklont; bei Erfolg als Fortsetzung, so wie im Falle des Films, an dem unser Drehbuchautor arbeitet? Es ist, legt Kehlmann nahe, fast unmöglich: Und so sieht der Icherzähler eben auch im Fenster des beleuchteten Wohnzimmers gegen die Nacht beim Schreiben sein eigenes Spiegelbild nicht, sieht durch sich hindurch und was hinter ihm ist, kann sich selbst nicht von seiner Umwelt trennen; beliebig, wie er sein Leben und seine Arbeit anhand fremder Vorbilder bisher durch die sich krümmende Zeit kopiert hat.

4. Das gekrümmte Ich

Und dann sind da die menschlichen Fixpunkte der Biografie des Protagonisten: Seine Tochter Esther, eine anspruchsvolle Vierjährige, deren Mutterfixiertheit den Erzähler zu väterlichen Verrenkungen inspiriert, die ihn vollkommen und rettungslos der Lächerlichkeit preisgeben, so dass er sich selbst einmal das Tanzbein schwingend fragt, ob er denn verrückt sei, oder ob das Stellen dieser Frage schon bedeute, er sei es nicht. – Gedankliche Spielereien, die ihn nicht davor bewahren, als Vater zu versagen, seiner Tochter gegenüber keine echte Persönlichkeit zu sein, die diese ernst nehmen und entsprechend behandeln könnte. Und so bleibt Esther für ihn in jedem einzelnen Moment ein Nest der Angst vor dem verfälschten, dem gekrümmten Ich, das diese Erzählerfigur sich zu Eigen gemacht hat, vor der Einsicht, die Suche nach sich selbst und dem Künstler in sich für immer aufgegeben und gegen den schalen Abgeschmack einer unwürdigen Drehbuchautorenschaft eingetauscht zu haben.

Susanna – seine Frau – betrügt ihn, denkt er. Er liest ihre Nachrichten auf dem Telefon, als er den Vermieter des Hauses anrufen will – als er, im übertragenden Sinn gesprochen, herausfinden will, wer ihn an diesen Ort gebracht hat, an dem er die schmerzhafte Diskrepanz zwischen seinem wahren Ich und dem von der Gravitation des Weltenbergs verzogenen erkennen muss. Doch so weit kommt er nicht: Die Nachricht eines David poppt auf, das Digitale präsentiert ihn und dem Digitalen glaubt er sofort, denn das Digitale irrt nie. David ist der Mann in den Susanna sich verliebt hat. Er wolle sie „wieder anfassen“, schreibt er, sie fehle ihm. – Stilistisch eher fragwürdig, ob man so einer Frau schreibt, aber sei’s drum – ein Experte für Libido und Erotik war Kehlmann wohl noch nie.

Man kann in David vielerlei sehen: Da wäre zunächst paradoxerweise der Mann, in den Susanna sich vor mindestens fünf Jahren verliebt hat, der jetzt aber nicht mehr derselbe ist: unser Icherzähler, namenlos wie er bleibt, und damit vielleicht das vermisste Spiegelbild. Der Erzähler erkennt sich freilich nicht in diesem binären Ich, das da unter den Bedingungen gekrümmter Zeit aus der Vergangenheit an seine Frau schreibt. Wahrscheinlich glaubt er in diesem Fall an eine zufällige Namensgleichheit – wer Kehlmann liest, sollte das jedoch nicht tun: Namen haben oft eine Bedeutung in seinen Texten.

5. Etymologische Paralleluniversen

Möglich ist auch, in David als Gegenspieler unseres Erzählers auftritt: das machte ihn dann beispielsweise zu Goliath.

Darin läge dann also der Kampf um die Beziehung zu Susanna: In der Auseinandersetzung eines Mannes, der sich unter dem Einfluss medialer Gravitation von sich selbst entfernt und gespalten hat, der nun als gewordener Goliath gegen den ursprünglichen David ankämpft, der er einmal gewesen sein mag, und in den sich seine Frau einst verliebte – ja, den sie immer noch liebt.

Am Ende des Buches scheint es, als gewänne David diesen Kampf. Susanna, die den Erzähler längst verlassen hat, kommt ein letztes Mal vorbei, nimmt Esther mit und der Erzähler weiß, dass er sie nie wiedersehen wird, fühlt aber eine so große Distanz zu ihnen, dass es ihn kaum schmerzt. Seine innere Zerrissenheit dagegen setzt ihm zu: „Als wir uns ansahen, fühlte ich mich wie in zwei Wesen gespalten.“ Und etwas weiter unten: „Ich legte die Arme um meine Frau, und mir war, als täte es ein anderer, mit dem ich nur den Namen gemeinsam hatte. Welchen Namen eigentlich?“ Dann schickt er die beiden weg, bleibt allein und schreibt sich in seinem Notizbuch sein Spiegelbild zurück: auf den leeren Seiten 92 bis 95 kann man sich die Entfaltung seines Charakters selbst ausdenken.

Warum aber schickt er dazu seine Familie weg, wird sie nie wieder sehen? Ist es dasselbe Motiv wie bei Arthur Friedland, dem erfolglosen Schriftsteller aus Kehlmanns Roman „F“, der erst nachdem er seine Familie verlassen hat zu voller künstlerischer Größe wächst und Erfolge feiern kann, die ihm als Vater, als in den Familienalltag eingebundener Normalmensch wohl nie vergönnt gewesen wären?

Geht man den etymologischen Herkünften der Namen – bei Kehlmann wie gesagt oft eine Quelle der Erkenntnis – auf den Grund, so passt noch mehr zusammen: David gilt als König der Juden, über Esther ist zu lesen, sie habe das Judentum durch eine kluge Tat gerettet. Aber warum überhaupt das Judentum? Überinterpretiert man, wenn man fragt, ob Kehlmann die älteste monotheistische Weltreligion gegen die jüngste in Stellung bringt: gegen das Digitale? – Möglicherweise tut man das.

Was aber tut nun Esther auf dem Berg um ihren Vater zu retten? Ist es ihre penetrante Diesseitigkeit, mit der sie ihn tatsächlich vor dem Abdriften bewahrt?

Der Name Susanna, schlägt Wikipedia vor, gehe unter anderem als „Susanna im Bade“ auf eine biblische Geschichte zurück – eine Geschichte, in der der Prophet Daniel jene Susanna vor einem schlimmen Betrug rettet. Wie also rettet Prophet Kehlmann nun seine Susanna aus „Du hättest gehen sollen“? Dadurch, dass er sie von ihrem mutierten Mann davonfahren, sich vom Erzähler zeitweise trennen lässt; dadurch, dass er ihr das „Du bist gegangen“ erlaubt? Sie zumindest scheint nicht so sehr den Gravitationskräften des Weltenberges ausgesetzt zu sein wie ihr Mann.

6. Gödel, Escher, Kehlmann

Doch ein „Du bist gegangen“ gibt es für die Hauptfigur nicht. Geht er, so verliert er sich selbst wieder in der Anziehungskraft des Weltenberges, und das will der David im Goliath nicht. Dazu passt die Episode, in der der Erzähler versucht, mitten in der Nacht zusammen mit Esther zu fliehen. Voller Angst erklärt er dem Mädchen, alles sei nur ein lustiges Abenteuer und läuft mit ihm im Licht der Handybeleuchtung die steile Straße hinunter. Noch hat er keinen Empfang, der Weltenberg ist offenbar zu weit entfernt um ihn wieder in seinen Bann zu ziehen; er ist der eigenen Orientierungslosigkeit ausgeliefert und folgt der abfallenden Straße. Nach endlosen stets abwärts führenden Serpentinen landen die beiden – es war zu vermuten – wieder am Haus auf dem Berg. Wer vor sich selbst flüchtet, kommt immer wieder bei sich selbst an – egal wie lang der Weg ist, den er wählt, egal ob talwärts oder nicht.

M.C. Escher lässt hier freundlich grüßen. Die unmöglichen Perspektiven, Figuren und optischen Täuschungen des niederländischen Malers verwirren das Auge: Bei ihm fließen Gewässer aufwärts, führen labyrinthische Wege auf absurde Weise in seltsam dimensionierte Räume, gehen Menschen solang treppauf, bis sie wieder an der Stelle sind, an der sie eben gestartet sind. Die räumliche Verrücktheit des Weges vom Haus herab zum Haus hinauf hat besonders deshalb starke Symbolkraft, weil sie in Zusammenhang mit der gekrümmten Raumzeit steht, die Kehlmann vom Weltenberg ausgehen lässt: Hier bietet sich nun über den Mathematiker Kurt Gödel eine weitere Stützung dieser Lesart an. Gödel hatte mit seiner Theorie der rotierenden Raumzeit ein mathematisches Modell geliefert, das theoretisch gesehen Zeitreisen erlauben würde; was dafür sprechen würde, dass Davids Nachrichten an Susanna aus der Vergangenheit kommen, dass unser Icherzähler also mit seinem alten Ich um seine Frau konkurriert.

Wenn M.C. Escher und Kurt Gödel auf den Plan treten, dann kommt man nicht umhin, einen unter Wissenschaftsnerds beliebten Klassiker von Douglas R. Hofstadter aus dem Jahr 1979 zu zitieren: „Gödel, Escher, Bach: ein endloses geflochtenes Band“. In diesem hochkomplexen Werk versucht Hofstadter, anhand der Lebenswerke des Mathematikers, des Males und des Musikers Johann Sebastian Bach eine große Theorie zur Selbstreferentialität zu entwerfen. Grob zusammengefasst geht es ihm wohl darum, wie aus Selbstreferentialität Bedeutung oder gar Bewusstsein entstehen kann.

Was aber hatte Kehlmann – den ein aktives Interesse an Wissenschaftsfragen umtreibt – im Sinn, als er seinen Lesern durch die Blume nun Hofstadters monströses Werk als Vorspeise zu seinem Kurzroman empfahl?

Man darf vielleicht spekulieren, dass der bei ihm so gravitationsstarke Weltenberg als Auslöser dieser Selbstreferentialität fungiert. Die digitale Informationsmasse, die mehr (zweifelhafte) Fakten anhäuft als die Sahara Sandkörner, ist zweifelsohne selbstreferentiell, die klassischen Massenmedien kaum minder. Will man Kehlmann aus diesem Blickwinkel lesen, entsteht so eine Identität, eine Bedeutung und ein Bewusstsein, das eben maßgeblich diese globale Informationsgalaxie als Referenzraum kennt: eine reine Makroebene. Der Mensch dagegen findet keinen Platz für Introversion, für Intimität darin, für die Mikroperspektive auf sich.

7. Null oder eins

Wo bin ich, mag man sich fragen, angesichts der unendlichen gleichzeitig geschehenden und dokumentierten Vorgänge auf dieser Welt? Was bin ich, außer den Aufzeichnungen meiner Bodycam, die vielleicht bald jeder mit sich herumträgt, um das äußerlich Sichtbare seines Lebens zu dokumentieren und sein Inneres nur mit eben diesem Äußeren beschäftigt sein zu lassen? Was soll ich tun, wenn der öffentliche Goliath in mir seinem intimen David gegenübersteht?

Kehlmanns Antwort auf das „Wo bin ich?“, auf das „Was bin ich?“ oder das „Was soll ich tun?“ lautet: „Du hättest gehen sollen“. Sie warnt den Goliath in uns vor seinem David, den David vor Goliath. Sie sagt uns: Es kann nur einen geben – und der bist du. Oder du. Aber nicht ihr beide. Ein binäres System: Null oder eins. Du nimmst entweder dein Notizbuch – eben nicht deinen Laptop – und schreibst es auf, oder du nimmst dir deinen Laptop – und eben nicht dein Notizbuch – und lässt dich beim Versuch einer Niederschrift ablenken: Internet. Gravitation. Weltenberg. Stundenlanger Sturz.

Entscheide dich also. Beides kannst du nicht sein.

Sagt seinen Lesern voraus: Der Prophet Daniel. Der auch dafür bekannt war, Träume deuten zu können. Vielleicht auch die ganzer Gesellschaften.

8. Literaturkritikkritik!

Die Kritikerin Sigrid Löffler ist in der Literaturszene vor allem für einen lang zurückliegenden Auftritt im Literarischen Quartett bekannt. Damals kamen ihr beinahe die Tränen, als Marcel Reich-Ranicki ihre Haltung zu einem Buch heftig und sehr persönlich kritisierte. „Du hättest gehen sollen“ hat sie nun für Deutschlandradio Kultur mit seinen beiden Vorgängern „Ruhm“ und „F“ zur Sippenhaft vergemeinschaftet und urteilt, dass alle drei „nur noch kunstfertig um eine leere Mitte kreiseln“. Der Autor netzwerke nur noch und komme dabei seiner eigentlichen Arbeit nicht nach. Bei diesen Worten angesichts eines so tiefen, intelligenten und wahren Romanzentrums mögen nun auch einem Leser die Tränen kommen. Es bleibt an solcher Kritik nichts weiter bemerkenswert als die Blindheit eines Literaturbetriebs, der schlicht nicht damit klarkommt, dass Zusammenhänge abstrakt, metaphorisch und außerhalb der Ratioroutine angelegt seien dürfen.

So kommen hilflose Resümees zustande – in Löfflers Fall klingt das dann so: „Mit dieser mit neunzig Seiten nicht nur schmalen, sondern auch dünnen Erzählung wirkt Kehlmann wie ein matter Epigone von Stephen King.“ In der Formulierung, er wirke wie ein matter Epigone, verrät sich die Unsicherheit der Kritikerin – eine Unsicherheit, die sie allerdings nicht dazu verleitet hat, ein ambivalenteres Urteil zu fällen. Besonders perfide wird der Vergleich, wenn man aus Kehlmanns Buch „Lob“ weiß, wie kritisch er selbst die Werke Stephen Kings sieht; ganz zu schweigen von der Tatsache, dass in diesen 95 Seiten so viel mehr steckt als in so manch epischem Wälzer der Saison.

Selbst Nils Minkmar, der im Literatur-Spiegel eine wohlwollende Kritik zum Buch platzierte, sprach von nicht mehr, als dass in jenem Haus am Berg etwas nicht stimme, von einem „konzentrierten, virtuosen literarischen Rätsel“, zu dessen Lösung er aber keinen einzigen Hinweis gab und stattdessen ein paar zeitkritische, literarisch-philosophische Schokostreusel in die Andacht für einen besonderen Schriftsteller bröselte, so dass man ahnt: Wäre dieser Text von einem Debütanten gekommen, Minkmar hätte sicher nicht darüber geschrieben – er tat es nur wegen Kehlmanns zu Recht großem Namen.

Ihnen allen würde man gern sagen: Du hättest lesen sollen!

 

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